Temudschins Geburt und Jugend (1162 - 1180)
Die Mongolen waren zum Zeitpunkt von Temudschins
Geburt kein geeintes Volk; vielmehr waren sie zerstritten und bekämpften
untereinander in blutigen Fehden. Doch nicht nur Mongolen lebten in der
Steppe - auch Türk-Stämme, Mandschu und Tungusen kämpften
um die Weidegründe. Große Gebiete konnten die Naimanen
für sich beanspruchen, östlich von ihnen besetzten die Kereit
große Gebiete. Sie mußten sich allerdings dauernd mit den
Tataren auseinandersetzen.
Die eigentlichen Mongolen zerfielen in diverse einzelne Stämme
( = Ulus = Befehlsbereich). Sie siedelten im Osten der heutigen
Mongolei und zogen zwischen den Flüßen Onon, Orchon und Kerulen
umher. Die Stämme befanden sich unter der Führung einzelner Anführer
- diese nannten sich je nach Abstammung Baatur (Ritter) oder Noyon (Häuptling).
Auch Yesügei, der Vater Temudschins, war dank seiner edlen Herkunft
ein solcher Baatur und führte einen Stamm an. Dessen Urahnen wurden
von den mongolischen Geschichtsschreibern als Wolf und eine weiße
Hirschkuh bezeichnet - damit wollte man Dschingis Khan eine mythische Herkunft
geben. Der Nachfahre dieser Ahnen hieß Batatschichan, dessen Sohn
Dobun hieß. Der wiederum war mit Alan der Schönen verheiratet.
Als Dobun verstarb, gebar sie dennoch drei weitere Söhne. Nach der
Herkunft der drei Kinder befragt, behauptete sie, jede Nacht habe ein goldglänzender
himmlischer Mann bei ihr gelegen. Einer dieser Söhne, er hieß
Bodontschar, ist historisch unumstritten. Er gründete der Stamm der
Bürtschigin, aus denen das Geschlecht Dschinghis Khans hervorging.
Einer der Nachfahren, der einige Jahrzehnte vor
Yesügei lebte, hieß Kabul Khan. Schon ihm war es gelungen,
die Stämme der Steppe unter seinem Banner zu einen und erfolgreich
Krieg gegen die Chinesen zu führen. Von Bestand war sein Reich allerdings
nicht und so war Yesügei einer der diversen Enkel, die um sein Erbe
kämpften - übrigens durchaus nicht derjenige, welcher am höchsten
gehandelt wurde. Allerdings machte er dem Ahnherren dennoch alle Ehre -
er kämpfte mit wechselndem Erfolg gegen die verschiedenen mongolischen
Sippen und gegen die Tataren. Als er gerade auf dem Sprung zu wirklich
großen Erfolgen war, ereilte ihn sein Schicksal - doch dazu
später mehr.
Yesügei war ein Mann der Steppe und als solcher beherrschte er
nicht gerade sonderlich angenehme Umgangsformen. So raubte er sich zum
Beispiel seine zweite Frau, welche die Mutter Temudschins werden sollte.
Als er mit seinen Brüdern auf der Jagd war, erblickte er ein frisch
verheiratetes Paar: Hoelun und ihren Gatten Tschiledu aus dem Stamm der
Merkiten. Schnell holte er die Hilfe seiner Brüder zur Hand und jagte
Tschiledu davon - als dieser die letzten Worte mit Hoelun sprach, gab diese
ihm zu verstehen, er solle fliehen, denn er könne eine andere heiraten.
Und so machte sich Tschiledu davon, während Yesügei seine neue
Braut in sein Lager führte. Tschiledu sah Hoelun nie wieder, aber
seine Verwandten würden Rache für ihn nehmen.
Daß Hoelun nicht freiwillig mit Yesügei ging, liegt auf
der Hand - allerdings muß sie schnell gemerkt haben, daß Yesügei
ein äußerst talentierter Mann war. In den folgenden Jahren war
sie ihm eine gute Ehefrau und scheint ihn sogar lieben gelernt zu haben.
Als ihr Mann starb, war sie es, die die Interessen seines aussichtsreichsten
Sohnes wahrnahm und schützte.
Doch noch als Temudschin gezeugt wurde, erhielt
Yesügei einen üblen Dämpfer, denn die Tataren verpaßten
ihm eine ordentliche Abreibung. Nun war der Vater dem Sohne sehr ähnlich
und ließ dies nicht auf sich sitzen. Mit allen verbliebenen Verbänden
und der Unterstützung seiner Verbündeten griff er die Tataren
erneut an und diesmal obsiegte er. So kehrte er in sein Ulus zurück,
in welchem ihm Hoelun mittlerweile einen Sohn geboren hatte. Diesen nannte
man Temudschin, da dies der Name eines der gefangenen Tatarenhäuptlinge
war.
Nun ranken sich um die Geburt der meisten großen geschichtlichen
Persönlichkeiten Mythen; so auch bei Temudschin: angeblich hielt der
Knabe bei seiner Geburt einen blutigen Klumpen in der Hand und so prophezeiten
die Schamanen dem Sohn Yesügeis eine glorreiche Zukunft als gewaltiger
Krieger (Frühjahr 1162). Yesügei machte Hoelun im folgenden zu
seiner Hauptfrau - die Frau, die bisher diesen Platz inne gehabt hatte,
räumte ihn offenbar klaglos. Yesügei war offenbar von Hoeluns
Intelligenz und Machtbewußtsein überzeugt.
Yesügei hatte insgesamt sieben offizielle Nachkommen: Temudschin,
Khassar, Chatschiun, Temuge-Ottschigen und die Tochter Temulun stammten
aus seiner Ehe mit Hoelun, die Söhne Bektar und Belgütei von
seiner anderen Frau. Schon früh wurde die Rivalität zwischen
Bektar, dem die mongolische Geschichtsschreibung einen diebischen und üblen
Charakter auf den Leib schneidert, und Temudschin, der um einiges jünger
war, offensichtlich. Temudschin würde zeigen, daß er seine eigenen
Methoden hatte, um mit seinem Halbbruder fertig zu werden. In der Nähe
wuchs auch Dschammucha auf, ein designierter Häuptling eines großen
Teilstammes der Mongolen. Mit ihm schloß Temudschin enge Freundschaft
und bald wurde Dschammucha zu seinem Anda, seinem Blutsbruder. Eigentlich
sollte dieser Blutsschwur das ganze Leben lang halten, doch auch hier nahm
die Geschichte einen anderen Verlauf und einer würde den anderen hinrichten.
Doch das lag noch in ferner Zukunft.
Yesügei stellte sich immer mehr als geschickter Heerführer
heraus. Er vergrößerte sein Ulus beständig und arbeitete
auf eine Vormachtstellung unter den Ur-Mongolen hin. Zu seinen militärischen
Erfolgen sollten sich bald auch Zuwächse durch geschickte familiäre
Verbindungen gesellen, weshalb er den mittlerweile neunjährigen Temudschin
auf eine Reise zu verschiedenen Stämmen mitnahm, um eine passende
Braut für ihn zu finden (9 Jahre war bei den Mongolen für diesen
Zweck kein ungewöhnliches Alter).
Auf der Durchreise machten sie bei dem Stamm der Olchounut halt, aus
welchem auch Temudschins Mutter Hoelun stammte. Hier schien man Yesügei
offenbar nichts zu verübeln - was aber auch kaum zu erwarten war,
da der Stamm eher schwach und Yesügei mittlerweile ein gefährlicher
Gegner war. Der Häuptling der Olchounut war aber offenbar beeindruckt
von dem jungen Temudschin. Dieser, untersetzt und kräftig für
sein Alter, besaß helle Augen und rötliches Haar. Angeblich
bewog das Feuer in den Augen des Jungen den Häuptling dazu, Yesügei
die eigene wunderschöne Tochter Bürte für den Sohnemann
anzutragen. Yesügei sah die Schönheit des Mädchens und stimmte
dann zu, da es auch offensichtlich war, daß die Kinder sich mochten
und vielleicht auch einmal lieben würden. Dei Setchen, der Häuptling
der Olchounut, hatte jedenfalls ein gutes Geschäft gemacht, denn von
Yesügei war noch viel zu erwarten. So blieb Temudschin, wie es üblich
war, erst einmal für einige Zeit im Lager des zukünftigen Brautvaters,
während Yesügei sich wieder auf den Weg nach Hause machte. Auf
dieser letzten Reise Yesügeis traf dieser schließlich seine
Bestimmung, denn nicht er, der wohl ähnliche Anlagen und Talente wie
der Sohn hatte, sondern Temudschin würde einst Dschingis Khan, also
ozeangleicher Herrscher genannt werden.
Kurz bevor er im heimischen Ulus ankam, traf Yesügei auf eine
Gruppe nomadisierender Tataren, welche mittlerweile durch ihn unterworfen
worden waren. Sie nahmen ihn gastlich auf und versorgten ihn mit Speis
und Trank. Dennoch hatten die Tataren ihren Peiniger wiedererkannt und
rächten sich auf heimtückische Art und Weise, denn die Speisen
waren vergiftet - so will es jedenfalls die mongolische Geschichtsschreibung.
Da Yesügei in den besten Jahren stand und auch seine Söhne ein
respektables Alter erreichten, erscheint diese Version der Geschichte nicht
unwahrschleinlich.
Als Yesügei drei Tage später im Lager ankam, lag er bereits
im Sterben. Eilends wurde Temudschin ins Ulus zurückgerufen, der nur
Bürte erklärte, warum er wieder gehen mußte. Sie versprach
auf ihn zu warten und dies tat sie auch: über 7 Jahre - dies mag dokumentieren,
daß sie Temudschin tatsächlich liebte.
Als Temudschin irgendwann im Sommer 1171 im Lager eintraf, war der
Vater schon gestorben und die unter seiner Standarte vereinten Stämme
brachen auseinander. Hoelun versuchte die Stämme zusammenzuhalten
und die Führung für ihren minderjährigen Sohn wahrzunehmen;
aber als Frau hatte sie einen schlechten Stand. Die Frauen der anderen
Adelssippen sahen die Gelegenheit gekommen, die ungeliebte Konkurrentin
auszubooten. Sie verweigerten ihr die Teilnahme an einer Opferzeremonie
und schließlich verließen die einzelnen Stämme die Familie
Yesügeis. Vor allem die Taichuten, ein Mongolenstamm, übernahmen
die Führung des ehemaligen Ulus Yesügeis. Als Hoelun noch einmal
versuchte die aufbrechenden Massen zurückzuhalten, wurde ein alter
Krieger, welcher sich ihr zur Seite stellte, kurzerhand niedergestochen
und schließlich auch die Herden Yesügeis entführt.
Yesügeis Familie hatte also vorläufig
alles verloren - die beiden Frauen, die sechs Söhne und die Tochter
lebten die nächsten Monate und Jahre in einer einsamen Jurte und fristeten
ein Leben in Armut. Dieses wurde dadurch erschwert, daß die Rivalität
zwischen Bektar und Temudschin immer klarer hervortrat. Dabei scheint der
ältere und stärkere Bektar die jüngeren Halbbrüder
Temudschin und Khassar ständig geärgert, bestohlen und verprügelt
zu haben. Hoelun schritt nur bedingt ein, da sie der Meinung war, daß
Temudschin es lerne müsse sich durchzusetzen - schließlich war
er der Erbe Yesügeis und nichts sprach dagegen, daß er als Erwachsener
wieder Ansprüche geltend machen konnte.
Nun, dies mußte man Temudschin wahrlich nicht unter die Nase
reiben. Als Bektar den hungernden Halbbrüder einen frisch gefangenen
Fisch raubte, war daß Maß voll. Temudschin zeigte früh,
daß er wußte, wie er mit Menschen umzugehen gedachte, welche
ihn bedrohten. Mit Bögen bewaffnet stellten Temudschin und der ihm
gefolgte Khassar Bektar - dieser glaubte nicht an eine Bedrohung und forderte
die beiden auf, ihre Bögen zu senken. In der mongolischen Chronik
heißt es, Bektar habe das über ihn gesprochene, gerechte Urteil
hingenommen und sich in aller Ruhe hinschlachten lassen - wahrscheinlich
aber glaubte er wohl eher nicht daran, daß Temudschin ernst machen
würde. Ein Fehler, den später noch Hunderttausende begehen würden.
Das Ergebnis blieb dasselbe, den Temudschin ermordete den Halbbruder, von
dem er sich seit jeher bedroht gefühlt hatte. Dies war offenbar der
erste Tote, den Temudschin auf dem Gewissen hatte und wir können davon
ausgehen, daß der Haussegen in der einsamen Jurte für eine Weile
gewaltig schief gehangen hat. Allerdings stand die Familie später
weiter felsenfest zu Temudschin - wie auch sein verbliebener Halbbruder
Belgütei, Bektars Bruder. Dieser sollte später einer von Temudschins
treuesten Generälen werden; allein dies mag zeigen, daß Bektar
sein Schicksal tatsächlich selbst verschuldet hatte.
Allerdings war die Familie mit der Ermordung des Halbbruders noch längst
nicht von jeder Bedrohung befreit. Denn mit dem Älterwerden Temudschins
wurde er immer mehr zu der Gefahr für die Thronprätendanten,
die um Yesügeis Nachfolge stritten und somit setzten diese bald alles
daran, seiner habhaft zu werden.
Als Temudschin etwa vierzehn oder fünfzehn
Jahren alt war, versuchte der Taichuten-Häuptling Thargutei, ihn in
seine Gewalt zu bringen. Bisher hatte Thargutei, der Yesügei den Treueeid
geschworen hatte, mit mäßigen Erfolg versucht, dessen Vormachtstellung
unter den Mongolen einzunehmen. Mit Temudschin in seiner Hand, den einige
immer noch als den rechtmäßigen Nachfolger ansahen, hoffte er,
alle Widerstände gegen sich ausmerzen zu können. Temudschin wurde
gewarnt und entfloh auf einen Berg. Im dortigen Dickicht verbarg er sich
tagelang vor den Taichutentrupps. Als er beinahe verhungert war, hat er
sich wohl selbst die Frage gestellt, warum er ausgerechnet hier sterben
solle und floh von dem Berg - woraufhin er gefangen genommen wurde.
Der Taichutenhäuptling Thargutei verzichtete auf eine Hinrichtung
des Jungen, sondern zwang ihn in ein Joch. Alsbald mußte der Junge
als Diener abwechselnd bei den Adelsfamilien dienen. Dies hatte sicher
zum Zweck, daß der Geist und Wille des Jungen gebrochen werden sollten,
während es Thargutei auf der anderen Seite vermied, einen Märtyrer
zu schaffen. Eigentlich sehr klug, allerdings hätte der Taichut in
diesem Falle von solchen Plänen Abstand nehmen sollen - für die
unehrenhafte Behandlung Temudschins sollte auch er später mit dem
Leben bezahlen.
Angeblich befreite sich der Junge, indem er sich selbst so oft gegen
einen Baum warf, bis daß Joch zerbrach. Wesentlich wahrscheinlicher
ist, daß jemand mit dem Jungen Mitleid hatte und ihn befreite. Ein
aussichtsreicher Kandidat hierfür war der altgediente Krieger und
Unterhäuptling Sorkan-Shira. Dieser hatte unter Yesügei gedient
und sich (vielleicht eher unwillentlich) mit seinem Suldus-Stamm dann dem
Ulus der Taichuten angeschlossen. Temudschin verschwand offenbar zu der
Zeit, in der er bei Sorkan-Shira diente und floh in die Steppe - mit kaum
mehr als den Kleidern, welche er am Leibe trug.
(c) Christian Ilaender, März 1999
Back zur
Homepage für Weltgeschichte