Temudschins Aufstieg zum Dschingis Khan und Herrscher
der mongolischen Steppe (ca. 1180 - 1206)
Temudschin arbeitete in den folgenden Jahren ehrgeizig
auf sein Ziel hin - er wollte das Erbe seines Vaters antreten. So floh
er mit seinem kleinen Ulus an die Ränder der mongolischen Steppe,
welche östlich vom Baikalsee lag. In seinem Lager nahm er alle unzufriedenen
und hungrigen jungen Krieger auf, die sich ihm verdingen wollten. Er versprach
Raubzüge und bewies zum ersten Mal, daß er zwar ein guter Militär,
vor allem aber ein geschickter Diplomat war. Er wußte, wie er die
gierigen und wilden Mongolen anzupacken hatte. Unter ihm erhielten sie
alle Freiheiten, wenn sie ihm dafür ihre absolute Loyalität gaben.
Zuerst mußte er allerdings eine andere Angelegenheit erledigen:
Er ritt zusammen mit Belgutei zu Dei Setchen und bat um seine Braut. Als
Brautgeschenk erhielt er einen Zobelpelz für seine Mutter und, was
ihm sicherlich wichtiger war, die Hand Bürtes. Temudschin hatte ein
offensichtlich sehr enges Verhältnis zu Frauen, auch wenn er sich
von diesen wohl kaum Vorschriften machen lies. Allerdings wußte er
den Rat seiner Mutter und auch den der klugen Bürte sehr wohl zu schätzen.
So wahrte in seinen jungen Jahren die Mutter seinen Thronanspruch, während
Bürte sein Ulus führte, wenn Temudschin auf Kriegszügen
war. Man darf sehr wohl davon ausgehen, daß Temudschin ein vertrautes
Verhältnis zu seinen Hauptfrauen hatte, welches vielleicht sogar Liebe
beinhaltete.
Nach erfolgter Brautwerbung wurde Temudschin bei Togril-Khan von den
Kereit vorstellig. Dieser führte einen der mächtigsten Stammesverbände
der Steppe und war der Schutzpatron und Schwurbruder Yesügeis gewesen.
Temudschin bat ihn darum, diese Freundschaft mit dem Sohn zu erneuern und
gab dem alternden Häuptling den Zobelpelz zum Geschenk. Togril war
sowohl davon als auch von dem jungen Mann beeindruckt und gewährte
dessen Anliegen. In den folgenden Jahren half er ihm dabei, sein verstreutes
Volk zu finden und zu einen.
Da auf Höhen immer wieder Tiefen folgen, blieben Temudschin schmerzhafte
Rückschläge nicht erspart, denn die Merkiten hatten den Raub
Hoeluns nie vergessen. Nur wenige Wochen nach der Hochzeit mit Bürte
fielen die mächtigen Merkiten über das kleine Ulus Temudschins
her. Dieser floh mit seinen Gefolgsleuten - für Bürte blieb allerdings
kein Pferd übrig. Sie legte denselben Realismus an den Tag, wie vormals
Hoelun: Bürte riet ihrem Gemahl zur Flucht, denn ihn würden die
Merkiten gnadenlos töten, sie jedoch nicht. So fiel sie dann auch
in die Hände der Merkit, obwohl eine alte Dienerin sie zu verbergen
suchte.
Temudschin floh erneut ins Gebirge, namentlich auf den Berg Burhan
Chaldun, den er in späteren Jahren immer verehrte, da ihm der Berg
eine Zuflucht vor dem sicheren Untergang gewährt hatte. Bürte
aber wurde einem Merkit zur Frau gegeben. Wer anderen eine Grube gräbt,
fällt selbst hinein: Zwar lebte Tschiledu, dem Yesügei einst
die Frau gemopst hatte, nicht mehr, aber für Ersatz war rasch gesorgt.
Tschilger-Boko, ein Bruder Tschiledus, führte Bürte in seine
Jurte.
Temudschin muß getobt haben und sann auf Rache. Dennoch ging
er vorsichtig und klug vor, denn er wußte, daß die Kräfte
seines eigenen Ulus nicht dazu ausreichten, um die geraubte Braut zu befreien.
Sein Aufruf zur Befreiung der selbigen brachte allerdings viele junge
Mongolen in sein Lager, welche an der ehrenvollen Tat teilhaben wollten.
So ließ sich Temudschin fast ein Jahr Zeit, bis er den Merkit den
Federhandschuh zuwarf. Zusätzlich hatte er sich die Unterstützung
Togruls und seiner Kereiten gesichert, ebenso wie die seines Andas
Dschammuchas, welcher mittlerweile selber ein mächtiger Häuptling
war. So fielen die Mongolen und Kereiten mit 40.000 (in der Mehrzahl von
den Verbündeten Temudschins gestellt) Mann über die Merkit her.
Ihr Sieg war vollständig. Die Merkit wurden erschlagen und ihr Blut
tränkte das eigene Land. Vor allem jene, die Temudschin damals bis
zu seinem Zufluchtsberg verfolgt hatten, ließ er gnadenlos "ausrotten"
- und in diesem Zusammenhang ist das wortwörtlich zu verstehen.
Bürte wurde befreit und gebar bald darauf einen gesunden Sohn.
Obwohl Temudschin theoretisch noch der Vater sein könnte, ist dies
wohl unwahrscheinlich. So wurde das kleine Kind denn auch auf den Namen
Dschotschi getauft, was soviel bedeutet wie "Gast". Es herrschten immer
Zweifel an der Abkunft des Kindes - nur Temudschin wurde nicht müde,
diese zu zerstreuen. Er erkannte Dschotschi als seinen ältesten Sohn
an, betraute ihn später gleichberechtigt mit den anderen Söhnen,
die ihm Bürte gebar, mit ehrenvollen und wichtigen Kommandos. Temudschin
behandelte alle seine Söhne gleich - ein Punkt, der sicherlich für
Temudschin spricht.
Nach dem glanzvollen Sieg trennten sich Temudschin
und sein Blutsbruder Dschammucha vorläufig nicht. Gemeinsam besuchten
sie mit ihren Ordus (Lagern) die saftigen Weidegründe. Dschammucha
war Temudschins Anda und von daher hatten sie sich ewige Freundschaft und
Treue versprochen. Aber sie waren beide zu ehrgeizig, um nicht irgendwann
erkennen zu müssen, daß Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklafften.
Zwar kam es zu keiner offenen Auseinandersetzung, aber Temudschin konfrontierte
seinen Anda immer öfter mit Träumen und Visionen, nach denen
er die Mongolen unter seinem Banner vereinen würde. Nach eineinhalb
Jahren schließlich setzte sich Temudschin heimlich mit seinem Lager
von Dschammucha ab, indem er zuerst zurückblieb und dann in eine andere
Richtung zog. Die nächsten Zusammentreffen mit seinem Anda würden
weniger friedlich verlaufen.
Temudschins Ulus erhielt nun regen Zulauf. Auch viele Gefolgsleute
Dschammuchas, welcher über das größere Lager geboten hatte,
liefen nun zu Temudschin über. So zum Beispiel Quotschi, der dem Khan
seinen Übertritt erklärte, indem er behauptete, er habe Zeichen
gesehen, die Temudschin zum Herrscher der Steppe bestimmten. Für seine
Prophezeiung verlangte er eine Belohnung - später würde er dreißig
der schönsten gefangenen Frauen erhalten und Herr über 10.000
Krieger sein.
Temudschin war ein geschickter Anführer und den Ansprüchen
seiner Männer gegenüber sehr sensibel. Als sein Ulus noch sehr
klein war, kam ein junger Mann zu ihm, welcher um Hilfe bat, da seine Pferde
von Räubern gestohlen worden waren. Ohne zu zögern, brach Temudschin
auf und vernichtete die Räuber. Anstatt die ihm angebotene Belohnung
anzunehmen, lehnte er sie ab und erhielt dafür die treue Gefolgschaft
des jungen Mannes, Bortschu (?), der einer der besten Generäle Temudschins
werden sollte. So behandelte er alle Mitglieder seinen Ulus äußerst
zuvorkommend und überließ ihnen einen Großteil der Beute.
Außerdem gab er nicht viel um adelige Verbindungen, sondern bevorzugte
Männer mit angeborenen Talenten, wie zum Beispiel Jelme und seinen
jüngeren Bruder Subutai, zwei Steppenkrieger, die später Armeen
in den Krieg führen würden.
Auch weitere Nachfahren Kabul Khans (zu denen
Dschammucha übrigens nicht zählte) fanden sich in Temudschins
Lager ein. Sie alle hatten nach dem überlieferten Erbfolgerecht der
Mongolen einen Führungsanspruch über das gesamte Volk. Temudschin
bewies nun, daß er kein gewöhnlicher Nomadenbarbar war, denn
um die Anführerschaft zu erlangen, ging er geschickt, ja nahezu subtil
vor. Auf einem einberufenen Kuriltai, also einer Heeresversammlung
der Anführer, setzte er die Wahl eines Anführers an, allerdings
ohne sich selbst zur Wahl zu stellen. Die Ahnen Kabul-Khans, deren Familien
schon länger als Yesügei und Temudschin um die Anführerschaft
der Mongolen stritten, waren so zerstritten und von Neid erfüllt,
daß sie keinen der ihren zum Anführer wählen mochten. Wer
blieb also übrig? Schnell einigten sich die ebenso ehrgeizigen wie
untalentierten Adelssprosse auf den jungen Temudschin, den sie leicht zu
kontrollieren können glaubten. So trugen sie ihm das Khanat an, welches
dieser "überrascht" annahm und dazu den Beinahmen "Dschingis" erhielt,
was soviel wie "ozeangleich" bedeutet. Bei der sprühenden Intelligenz,
die man Temudschin oft unterstellen kann, scheint es auch hier unwahrscheinlich,
daß er mit dieser Wahl nicht gerechnet hatte.
13 Lager und 30.000 Krieger dienten nun unter Dschingis Khan, mittlerweile
nicht ganz dreissig Jahre alt. Er organisierte sein Ulus recht streng und
führte als wichtige Neuerung die Meldereiter ein. Diese übermittelten
auf dem schnellsten Wege Nachrichten und Botschaften zwischen den Lagern,
was die schwierige Kommunikation sehr erleichterte. Neben den adeligen
Würdenträgern betraute Temudschin vor allem die alten Freunde
mit wichtigen Kommandos über Tausendschaften: Bortschu, Jelme, Subutai.
Während der Stern der adeligen Nachfahren Kabul-Khans sinken würde,
stützte sich der Khan mehr und mehr auf diese Gefährten, ebenso
wie auf seinen Halbbruder Belgutei und seine Brüder, allen voran Khassar.
Nun aber sah sich Dschammucha zum Handeln gezwungen. Zu lange schon
liefen seine Leute in das Lager des charismatischeren Temudschins über,
welcher diese Entwicklung herzhaft förderte. Dschammucha rief alle
seine Krieger zusammen und griff Temudschin überraschend an. Da dieser
noch rechtzeitig gewarnt wurde, konnte er sein Heer von 30.000 Mann mobilisieren,
womit er gleich stark wie Dschammucha war. Ob nun aufgrund der mangelnden
Vorbereitungsphase oder weil Dschammucha militärisch ebenso talentiert
war wie sein Anda sei dahingestellt - jedenfalls erhielten Temudschin und
die Seinen ein blutige Nase; Dschingis Khan mußte mit den Resten
seiner Armee fliehen.
In den folgenden Jahren baute Temudschin seine Kräfte vorsichtig
wieder auf. Bei seiner Flucht vor Dschammucha scheint er auch nach China
gekommen zu sein, wo die Kin seit einem Jahrhundert herrschten, Er muß
als Nomade beeindruckt von dem unglaublichen Reichtum, Kultur und größe
der Städte gewesen sein. Der intelligente Herrscher scheint sich positives
gemerkt zu haben, ebenso wie die Schwächen, denn er wird schon jetzt
den Plan gefaßt haben, einstmals hierher zurückzukehren. Während
seiner Abwesenheit scheint übrigens Bürte sein Ulus geführt
zu haben.
Erst Jahre später taucht Dschingis Khan wieder auf, allerdings
fast wieder mit alter Stärke. Die Kin waren ihrer Verbündeten,
den Tataren, überdrüssig geworden. Man hatte sich ihrer bedient,
um die Grenzvölker der mongolischen Steppe in Zaum zu halten oder
Zwietracht unter ihnen zu sähen. Die Tataren waren allerdings keine
reine Freude für die Kin, denn wenn sich keine andere Beute bot, hatten
diese gelegentlich die unangenehme Eigenschaft, in das Stammland ihrer
Verbündeten einzufallen. So muß es auch in den neunziger Jahren
des 13. Jahrhunderts geschehen sein und so vertrieb eine chinesische Strafexpedition
der Kin die Tatarenhorden. Als diese durch die Wüste Gobi flohen,
wurden sie allerdings von kaum freundlicheren Gesellen erwartet: der Kereit
Togrul und Dschingis Khan machten kurzen Prozess mit den Tataren und sackten
deren Beute aus den chinesischen Ländereien ein.
Die Kin waren über die Vernichtung des lästigen Verbündeten
durchaus begeistert und ernannten Togrul zum Wang-Khan (da sie in
ihm wahrscheinlich einen adäquaten Ersatz für die Tataren sahen)
und Dschingis Khan, den sie als Vasall Togruls ansahen (was der Wahrheit
tatsächlich nahe kam), zum Dschautquiri, was ihm die erste
Erwähnung in der chinesischen Geschichtsschreibung einbrachte.
Temudschin ging nun rabiat und rücksichtslos daran, sich unliebsame
Verwandschaft und Konkurenz im eigenen Lager vom Hals zu schaffen. So wurden
die beiden Häuptlinge der Dschurkin, von denen einige Männer
in das mongolische Lager eingefallen waren und zehn Mann getötet hatten,
Satscha-Beki und Taitschu, hingerichtet, obwohl sie an dem Überfall
nicht beteiligt gewesen waren. Auch Buri-Bökö, ein Vetter Yesügeis
fiel dem Khan zum Opfer, da auch er Ansprüche auf das Khanat geltend
machen konnte.
Um 1200 waren es also Temudschin, Togrul und Dschammucha die um die
Vorherrschaft in der Steppe rangen. Dabei sah Dschammucha am besten aus.
1201 brachte er ein Bündnis zwischen seinen Dschardarat, den Naiman,
Merkit, Oirat und sogar den übriggeblieben Tataren zustande. Dennoch
setzten etliche Stämme auf den talentierten Temudschin. Dieser allerdings
offenbarte immer wieder neue Seiten seines eigenartigen Charakters. Ein
Volk, welches seinen Anführer auslieferte und somit seinen Lehenseid
brach, wurde von ihm folgendermaßen belohnt: er vernichtete es. Auch
später bestrafte er Verrat, selbst wenn er ihm gelegen kam, schnell
und hart.
Nun waren die Taichuten reif für eine Strafexpedition,
schließlich hatten sie Temudschins Vater verraten und ihn selbst
in ein Joch geknechtet. In der Schlacht verwundete ein junger Taichut namens
Dschebe mit einem Pfeilschuß Temudschin, den er in den Hals traf.
Temudschin, nur knapp dem Tode entronnen, nahm den jungen Mann, welcher
die Tat nicht leugnete, sondern stolz auf seine Leistung war, in seinen
Dienst auf. Auch er wurde später ein großer mongolischer General.
Die Taichut aber wurden inklusive der Frauen und Kinder ausgerottet. Sorkan-Shira,
welcher dem jungen Temudschin damals zur Flucht verholfen hatte, wurde
mit seinem Stamm verschont und bei Dschingis Khan aufgenommen. 1202 rechnete
der Khan endgültig mit den Tataren ab. Er brach in ihr Stammland ein
und schlug sie in einer Entscheidungsschlacht. Dabei kam es ihm auf die
völlige Vernichtung seiner Gegner an (die schließlich seinen
Vater feige ermordet hatten), weshalb er ein Gebot der Steppe aufhob: anstatt
das eroberte Gebiet zu plündern und sich an den im Lager zurückgelassenen
Frauen zu erfeuen, sollten die Armeen die Tataren verfolgen.
Drei adelige Häuptlinge mißachteten den ausdrücklichen
Befehl und rafften Beute an sich. Dschebe, ein einfacher Nomade, wurde
beauftragt, den Adeligen die eingefangenen Herden wieder abzunehmen, ebenso
wie sämtliche andere Beute. Im Angesicht des übermächtigen
Heeres des Khans ließen sich die Anführer diese ehrenrührige
Behandlung zwar gefallen, vergessen würden sie sie aber nicht. Bei
der nächsten Gelegenheit dersertierten sie.
Die Tataren aber bekamen Temudschins Zorn zu spüren. Obwohl er
zwei Töchter des Tatarenhäuptlings, Yisui und Yisugen zur Frau
nahm, hatten die männlichen Tataren keinen Anspruch auf Gnade. Jeder,
der die Größe eines Karrenrades überstieg, wurde geköpft.
So auch der Ehemann Yisuis, der sich unter die feiernden Anhänger
des Khans gemischt hatte. Der Khan befahl allen, sich ihrem Volke zuzuordnen.
Daraufhin blieb nur der junge Tatar alleine stehen. Temudschin betrachtete
diesen als Spion und Räuber und ließ ihn sogleich im Angesicht
seiner neuen Frau Yisui, welche vorher dem jungen Tatar gehört hatte,
köpfen.
Temudschin war mittlerweile 40 Jahre alt, aber
immer noch in einer Art Vasallenstellung zu dem Wang-Khan Togrul von den
Kereit (zumindest offiziell). Um auch in dessen Lager Ansprüche geltend
machen zu können oder aber auch um die bisher erfolgreiche Verbindung
zu festigen, trug Temudschin Togrul eine Hochzeit an: Sein ältester
Sohn Dschotschi sollte Togruls älteste Tochter heiraten. Dagegen opponierte
Togruls ältester Sohn Sanggum allerdings heftig. Der junge Mann, der
wohl weniger talentiert als unbeherrscht war, fühlte sich von den
Avancen Dschingis Khans bedroht, denn bisher war sein Vater von dem jungen
Mongolen durchaus eingenommen gewesen. Nun konnte er endlich Zwietracht
sähen, indem er seinem Vater, vielleicht nicht ganz zu unrecht, einflüsterte,
daß Temudschin nur an Einfluß im Lager der Kereit gewinnen
wollte. Allerdings wäre dieser Einfluß über eine Tochter
des Kereiten-Herrschers wohl nicht allzu groß gewesen.
Dschammucha war immer vor Ort, wenn es gegen seinen Anda Temudschin
ging und in Sanggum, der wohl seine Felle wegschwimmen sah, fand er einen
dankbaren Verbündeten. Gemeinsam brachten sie den alten Togrul, welcher
seinen Thron übrigens durch Brudermord erhalten hatte, dazu, mit seinem
Schutzbefohlenen zu brechen. Als dieser Entschluß erst einmal gefaßt
war, handelten die Kereit schnell und geschickt. Dschingis Khan rechnete
nicht mit einem Überfall seines Schutzpatrons und wurde nur durch
zwei Schäfer von seinem drohenden Einfall gewarnt. Die Mongolen mußten
wochenlang vor den Kereit fliehen - als sie zum Gegenschlag ausholten,
mußten sich diese als sichere Sieger gefühlt haben, da die Mongolen
mittlerweile in die Sümpfe geflohen waren. Zu allem Übel hatten
die Kereit Khassars Verbände aufgespürt und vernichtend geschlagen.
Als der verwundete Bruder bei Temudschin eintraf, wußte dieser, daß
er nur mit einer List würde siegen können.
Togrul erhielt eine Nachricht Khassars, welcher seinen Übertritt
anbot, da er angeblich vom Kriege die Nase voll hatte. Die Kereit organisierten
eine Siegesfeier, auf welcher sie die Kapitulation des Bruders Temudschins
entgegenehmen wollten. Der zur Siegesfeier allerdings nicht persönlich
eingeladene Temudschin erschien jedoch als Überraschungsgast, seine
Armee im Gefolge - und schlachtete die betrunkenen Kereit gnadenlos ab.
Angeblich dauerte die Schlacht drei Tage, wahrscheinlich waren es nur drei
Stunden. Khassar war übrigens im Lager Temudschins geblieben, damit
er sein Wort nicht brechen mußte (was er aber irgendwie doch getan
hatte).
Togrul, Sanggum und Dschammucha entkamen, aber ihre Macht war gebrochen.
Togrul wurde im Stammesgebiet der Naimanen erschlagen, sein Sohn fand bei
den Uiguren den Tod. Der siegreiche Temudschin aber nahm das kereitische
Reich in Besitz und gliederte die Besiegten in sein Ulus ein. Dschotschi
wird wohl seine Kereit-Prinzessin erhalten haben, ebenso wie auch Tolui,
der jüngste Sohn des Khans und Bürtes. Diese Frauen würden
nach dem Tode Dschingis Khans viel Einfluß im mongolischen Lager
ausüben und die Erbfolge unter den Enkeln des Khans bestimmen.
Temudschin dominierte nun die östliche Mongolei - ihm fehlte der
Westen, besiedelt von den kultivierten Naiman, welche schon eine Schrift
besaßen. Diese hatten die Führung ihres alten Königs Inancha-Bilge
verloren, welcher an Talentierung wohl durchaus mit Temudschin hätte
standhalten können. Sein Sohn allerdings war nicht viel mehr als ein
Narr. Obwohl seine Königin Gurbesu vor einem Krieg mit den angeblich
stinkenden Mongolen (hatte sie Angst vor ihnen?) warnte, ließ er
sich von dem zu ihm geflohenen Dschammucha zu einem Krieg überreden.
Während die Mongolen den Naiman-Herrscher (Tajang) foppten, indem
sie Strohpuppen und falsche Feuer entzündeten, um ihn über die
Größe ihres Heeres zu täuschen, griffen sie die im Rückzug
befindlichen Truppen des Tajangs an - dieser hatte sich zuvor von seinen
Generälen seine Feigheit vorwerfen lassen müssen. Im Sommer des
Jahres 1204 vernichtete Temudschin die Macht der Naiman im Vorgebirge des
Altai und nahm schließlich Besitz von dem naimanischen Reich, Gurbesu
("Nun, wenn die Mongolen stinken, warum kommst du nun mit mir?") und -
vielleicht am wichtigsten - vom uigurischen Reichskanzler Tatatonga. Dieser
überzeugte den Khan von der wichtigkeit der Schrift, Philosophie und
einer Verfassung. Temudschin nahm den seltsamen Mann in seine Dienste auf,
wies ihn an seine Söhne im Lesen und Schreiben zu unterrichten und
ebenso eine Verfassung niederzuschreiben, die Jassa.
Die mongolische Geschichtsschreibung behauptet übrigens, Dschammucha
habe mit seinen Bemerkungen dem Tajang gegenüber die Schlacht erzwungen
und daraufhin Temudschin über die Pläne des Tajangs informiert.
Ob dies ein letzter Dienst an seinen Anda war, dessen Stern nun immer heller
leuchtete?
Zurück zu den aktuellen Ereignissen: noch
im Herbst rechnete Temudschin mit den verbliebenen Merkiten ab. Dschammucha
wurde von seinem eigenen Stamm Dschardschat verjagt und schließlich
von den eigenen Fluchtgefährten in das UIus Temudschins geführt.
Dieser behandelte die Verräter, wie er es immer zu tun pflegte: sie
wurden im Angesicht Dschammuchas enthauptet.
Diesem gegenüber verhielt Temudschin äußerst sentimental.
Er soll ihm sogar angeboten haben, wieder an seiner Seite als sein Anda
zu reiten, denn angeblich hatte er die Freundschaft von früher nicht
vergessen. Dschammucha aber war von seinem Anda einmal zu oft gedemütigt
worden, und da er diesem in Talent und Würde nicht nachstand (außer
was Diplomatie betrifft) bestand er auf seine Hinrichtung. Seine letzten
Bitten wurden ihm jedoch gewährt: Er wurde erdrosselt (also nicht
enthauptet) und königlich beigesetzt.
Im Frühling 1206 kamen alle Häuptlinge der mongolischen Steppe
am Onon zusammen, denn hierher hatte Temudschin seinen Reichstag einberufen.
Auf dem folgenden Kuriltai gab es natürlich nur einen Kandidaten:
Dschingis Khan wurde zum Herrscher aller Steppenkrieger und Völker
ausgerufen.
(c) Christian Ilaender, März 1999
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