Dschingis Khan und sein Angriff auf China (1206
- 1216)
Im Jahre 1206 hatte Dschingis Khan die mongolische
Steppe vollkommen unter seiner Kontrolle. Ein im diesen Jahr einberufenes
Kuriltai (Heeresversammlung) rief Dschingis Khan noch einmal ausdrücklich
zum Herrscher aus. Was aber unterschied den Khan von anderen Herrschern?
War er nicht auch nur eine zufällige Erscheinung der Geschichte und
würde ebenso schnell wie Kabul Khan im Dunkel der Zeit verschwinden?
Man kann Temudschin vieles vorwerfen. Er war ein Nomade der weiten
Steppe und befolgte als solcher auch die Regeln, mit denen er aufgewachsen
war. Feinde wurden gnadenlos verfolgt und ausgemerzt. Auch Frauen und Kinder
fielen dem blutrünstigen Wahn zum Opfer. Jedes unterworfene Volk hatte
unter Vergewaltigung, Raub und Mord zu leiden - so machte sich Temudschin
denn auch des mehrfachen Genozids schuldig.
Auf der anderen Seite war der Mann durchaus kein Narr. Er kannte die
Geschichte seines Reiches und wußte, daß die Machtkonstellationen
der Steppe ihn nach oben gespült hatten; ebensoleicht konnten sie
ihn wieder hinabspülen und wenn nicht ihn, dann zumindest seine Söhne.
Deshalb begann er mit der Organisation eines straffen Kriegerstaates, in
welchem die bisher bestehenden Strukturen vollkommen zerschlagen wurden.
Nun waren es nicht mehr die alten Adelssippen, die aufgrund ihres Namens
und ihrer Ahnen Führungsansprüche hatten, sondern Männer,
die auf dem Schlachtfeld Ehre erhalten hatten, allen voran die Freunde
des Khans, welche ihn schon früh begleitet hatten.
1206 zählte die Heeresversammlung 96 Tausendschaften, aufgeteilt
in Tumane (10.000 Krieger), dann Tausendschaften, Hundertschaften
und schließlich 10 Mann, welche Befehle von einem Vorgesetzten erhielten.
Die Tausendschaften wurden in aller Regel von verschiedenen Völkerschaften
gestellt. Dem Khan dienten etwa 30 Völkerschaften, ca. 2 Millionen
Menschen, von denen 400.000 echte Mongolen waren. Als der Khan starb, soll
das Heer etwa 230.000 Mann gezählt haben. Somit sei auf eine weitere
Leistung des Khans verwiesen: Obwohl die Stämme innerhalb von zwanzig
Jahren unter seine Fahne gezwungen wurden, wuchsen sie doch in nahezu derselben
Zeit zu einer Einheit zusammen. Temudschin hatte als erster eine mongolische
Nation begründet, welche sich mächtig gegen äußere
Gegner wendete, anstatt wie seit Jahrhunderten an der Tagesordnung, untereinander
blutige Fehden austrug. Bauern und Seßhafte in der mongolischen Bevölkerung
waren die Verlierer (ihnen wurde eine gnadenlos hohe Kopfsteuer auferlegt),
die Krieger die großen Gewinner.
Eine zweite Leistung Temudschins, die ihn nun wahrlich
von seinen Vorgängern unterschied, war die Erschließung der
Schrift für sein Volk und die Erstellung einer Verfassung. Wir hörten
schon von dem Uiguren Tatatonga, dem einstigen naimanischen Reichskanzler.
Dieser verfaßte auf Befehl des Khans die Biliks (Lehrsätze)
und vor allem die Jassa (Gesetze, Befehle). Diese beiden Gesetzeswerke
gaben den Kriegern und dem Volk Temudschins verbindliche Weisungen, wie
sie sich zu verhalten hatten, etwa bei Streitigkeiten um Eigentum oder
im Kampf. Ziel war, den Gehorsam und die Disziplin, welche im Heer herrschten,
auch im einfachen Volke zu verankern um einen starkes Korsett für
den Kriegsapparat zu ermöglichen.
So wies er einen seiner Adoptivsöhne an, eine Juristikation festzulegen,
also verbindliche Gerichtsurteile. Der Khan pflegte aus Völkern, welche
er unterworfen oder vernichtet hatte, einen Jungen seiner Frau oder seiner
Mutter zu schenken. Diese adoptierten das Kind, welches gleichberechtigt
mit den leiblichen Söhnen des Khans aufwuchs und zur Familie gezählt
wurde. So wuchsen in der Jurte des Khans immer eine Gruppe junger talentierter
Männer heran, welche dem Khan Dank und Loyalität schuldeten,
ein großer Rückhalt für Temudschin. Auch Schigiqutuqu war
ein solcher Adoptivsohn (er stammte aus dem Volk der Tataren, welches der
Khan nahezu ausgerottet hatte). Eben diesen der Schrift kundigen jungen
Mann wies Temudschin an, Gesetze, Urteile und Entscheidungen niederzuschreiben
um Diebstähle, Mord und sonstige Vergehen zu regeln. Dieses "Blaubuch"
sollte dann verbindlich sein und auch von den Nachkommen des Khans befolgt
werden. So kam ein Tatarenjunge ohne Volk zu der Position des obersten
Richters der Mongolen.
Mit einer Bestimmung hatte Temudschin allerdings wenig Erfolg: dem
Untersagen des Saufens. Die Mongolen sprachen häufig und in rauhen
Mengen dem Kumys zu, gegorener Ziegenmilch. Später, als sie
dieses Kulturgut eroberten, auch dem Traubenwein. Dem Khan, der selbst
immer maßvoll - wenn auch kein Kostverächter - gewesen war,
wollte diesem Treiben einen Riegel vorschieben. Allerdings waren seine
eigenen Söhne Ugedei und Tolui die häufigsten Zecher und verstießen
in aller Öffentlichkeit gegen das Gebot ihres Vaters. Sie wurden nicht
bestraft und die Bestimmung geriet über kurz oder lang in Vergessenheit.
Bevor sich der Khan nach China wendete, erhielt Dschotschi den Befehl,
die nördlichen Waldvölker zu unterwerfen. Dieser erfüllte
den Auftrag mit Bravur und der "Gast" erhielt die ausdrückliche Belobigung
des Vaters. Es scheint offensichtlich, daß der Khan seit der Reichseinigung
geplant hatte, in China einzufallen. Die reichen Städter, welche sich
hinter der Chinesischen Mauer zu verbergen suchten, zogen die vergleichsweise
armen Nomaden wie ein Magnet an. Ob der Khan schon damals mit dem Gedanken
spielte, die Welt zu erobern, darf allerdings bezweifelt werden.
Bevor der Khan sich mit den Kin maß, wandte
er sich zuerst den Tangut in ihrem Reich Hsia-Hsia zu, südlich der
Wüste Gobi und westlich der Kin.
Im Frühjahr 1209 durchquerte Temudschin die Gobi und gelangte
im Mai vor die Stadt Wolohai. Der Stadtkommandeur wird sich kaputtgelacht
haben, als die Nomaden ihre übliche Taktik anwendeten: Aus der Sonne
kommend, stürmten sie gegen die Mauern der Stadt. Nun war der Angriff
aus der Sonne bei einem Reitergfecht in der Steppe eine kluge Sache - bei
einem Angriff auf eine Stadt allerdings eine Dummheit, da sich die Angreifer
immer in der prallen Sonne befanden, leicht erkennbar für die verteidigenden
Bogenschützen (klüger ist ein Angriff gegen die Sonne, da sich
der Angreifer schließlich im Schatten der Mauern befindet). Ebenso
dumm mußten sich die angekommenen Mongolen vor der Stadtmauer vorgekommen
sein. Wie in Monty Pythons "Ritter der Kokusnüsse" haben sie mit ihren
Schwertern hilflos auf die Mauer eingeschlagen, während sie von oben
mit Pfeilen, Steinen und kochendem Wasser getroffen wurden.
Ratlos zogen die Mongolen sich zurück - sie waren nicht fähig,
eine befestigte Stadt einzunehmen. Allerdings wäre Temudschin nicht
zum Dschingis Khan geworden, wäre er nicht so enorm schlau und listig
gewesen.
Er belagerte die Stadt und forderte von dem Stadtkommandanten die Erfüllung
folgender Bedingungen, bevor die Mongolen abzogen: da man die städtische
Kultur erlernen wollte, sollte man 1.000 Katzen und 10.000 Schwalben fangen
und sie den Mongolen übergeben. Wieder wird der Stadtkommandant gebrüllt
haben vor Lachen und erfüllte dem Barbaren seinen Wunsch; allein dieses
Mal wird ihm der Brocken im Halse stecken geblieben sein.
Die Mongolen versahen die Tiere mit einem Baumwollstreif und zündeten
sie an. Die geplagten Tiere wurden daraufhin freigelassen und flohen zu
den bekannten Zufluchtsorte in die Stadt zurück. Als diese lichterloh
brannte, griffen die Mongolen an - Wolohai ergab sich schließlich.
Ob nun Legende oder Wahrheit, erzählenswert ist die Geschichte auf
jeden Fall.
Im Sommer verloren die Mongolen eine Schlacht gegen die Tangut (aus
taktischen Gründen?). Während sie angeblich vor den Tangut auf
der Flucht waren, fiel Temudschin über die siegestrunkenen Verfolger
her und vernichteten sie. Die Hauptstadt Ning-Hsia wurde allerdings erneut
umsonst belagert. Die Mongolen versuchten einen Fluß umzuleiten,
um die Wasserzufuhr der Stadt zu beseitigen, allerdings brach der erbaute
Staudamm und das Wasser ergoß sich in das mongolische Lager, wobei
etliche zu Tode kamen (Januar 1210). Der Tangutkönig hatte allerdings
die Nase voll von den marodierenden Horden und handelte einen Friedensvertrag
aus. Laut diesem wurde Tangut tributpflichtig, mußte jedoch keine
Heeresfolge leisten. Allerdings sollte Hsia-Hsia Begleitpersonal und Kamele
für den Armee-Tross stellen. Zur Unterstreichung der guten Absichten
gab man Dschingis Khan eine Tochter des Königs zur Frau - diese Tochter
kann der König nicht sonderlich geliebt haben, denn er würde
seine Versprechen nicht einlösen. Dies sollte der Untergang seines
Volkes sein.
Temudschin war also leidlich erfolgreich gewesen, mußte jedoch
anerkennen, daß die Mongolen unfähig waren, Städte aus
eigener Kraft zu erobern. Also stellte er ein Corps von Belagerungsspezailisten
auf, welche er seinem Sohn Chagadai unterstellte. In der Folge dienten
diverse Ausländer in dem Mineur-Trupp und spätestens mit dem
Angriff auf das islamische Choresm-Reich waren die Mongolen Spezialisten
im Erobern von Festungen.
Bevor er sich nach China wendete, mußte
Temudschin einer Gefahr im eigenen, mittlerweile gewaltigen, Ulus Herr
werden. Seit Jahren hatte sich der Khan mehr und mehr auf seinen Hauptschamanen
verlassen und dessen Einfluß wuchs stetig. In den Jahren, in denen
Temudschin gegen die Kereit und Dschammucha kämpfte, konnte er sich
auf die propagandistischen Weissagungen Kökötschüs zu seinen
Gunsten verlassen. Dieser war ein Sohn Mungliks, ein alter Gefolgsmann
von Temudschins Vater, welcher nach dessen Tod die Mutter des Khans geheiratet
hatte. Der Schamane wurde immer mächtiger und dreister, bis er schließlich
beinahe in aller Öffentlichkeit nach der Macht griff (was einfach
fiel, da das einfache Volk ihn liebte und Temudschin ihn und seine Macht
fürchtete - vor allem, nachdem der Schamane offenbar behauptete, er
kommuniziere mit dem Geist des von Temudschin hingerichteten Dschammuchas).
Kökötschü bereitete den großen Schlag vor. Er denunzierte
Khassar und behauptete, dieser wolle eine Revolte anzetteln. Temudschin
ließ seinen Bruder, welcher ihm bei seinem Mord am Halbbruder Bektar
geholfen hatte, festnehmen und aller Würden entledigen. Offenbar bereitete
er auch die Hinrichtung vor. Nun griff Hoelun ein, die dem Treiben schon
zu lange zugesehen hatte. In einer ergreifenden und aufopfernden Rede vor
Temudschin und dessen Gefährten ergriff sie Partei für Khassar.
Beschämt befreite der Khan Khassar und gab ihm alle Ämter und
Würden zurück. Kökötschü mißachtete alle
Warnzeichen und verprügelte in aller Öffentlichkeit gemeinsam
mit seinen Brüdern den jüngsten Bruder des Khans: Temuge-Odschigin.
Dies war zuviel: in aller Heimlichkeit befahl der Khan seinem kleinen Bruder
und zwei weiteren Männern, dem Schamanen aufzulauern und ihn zu töten.
Dies geschah, die Leiche wurde beiseite geschafft. Dem einfachen Volk erklärte
man, Kökötschü wäre in den Himmel zu Tengri, der Gottheit
der Mongolen, aufgefahren, um dort für sein Volk zu wirken. Abschließend
wurde ein leichter zu kontrollierender Mann als Hauptschamane eingesetzt.
1211 wandte sich Temudschin gegen das reiche China,
welches Beute verhieß. Außerdem bestand die Gefahr, daß
die Kin von sich aus losschlagen würden, da der mongolische Staat
für sie immer mehr zur Bedrohung werden mußte. Im Juni 1211
überwanden die Mongolen also die Große Mauer, wobei ihnen die
in der chinesischen Armee dienenden Ongut behilflich waren. In China wurden
den ca. 130.000 Mann Dschingis Khans mehrere gewaltige Armeen entgegengeschickt
(vielleicht 250.000 Mann), denn das Reich der Kin, die erst seit einem
Jahrhundert in diesem Reich regierten, zählte an die 30 Millionen
Einwohner. Temudschin besiegte alle diese Armeen im offenen Feld. Der folgende
jahrelange Feldzug war eine blutige und schmutzige Angelegenheit. Da Temudschin
erneut an der Belagerung großer Städte scheiterte, hielt er
sich an der Landbevölkerung oder den kleineren Dörfern schadlos.
Das Reich der Kin wurde verwüstet und Leichen müßten es
allenthalben bedeckt haben.
Obwohl das Heer des Khans bis 1214 starke Verluste durch Seuchen während
der Belagerung Pekings erhalten hatte, bot ihm der Kaiser einen günstigen
Frieden an. Als sich Dschingis Khan mit reicher Beute (Gold, Silber, 3.000
Pferde, 500 Jungen und Mädchen, inklusive einer Kin-Prinzessin für
ihn selbst) zurückzog, verließ der Kaiser Peking, offenbar um
stärkere Verbände zusammenzustellen. Temudschin kehrte nach Peking
zurück, belagerte es erneut und schließlich fiel die Stadt.
Im Winter 1214 tobten die Mongolen durch die Straßen der ehemligen
Kin-Hauptstadt, verwüsteten und plünderten die Kulturhochburg.
Nach einem vierwöchigen Blutbad zogen die Mongolen ab, kaum einen
Stein auf dem anderen hinterlassend.
Die Macht der Kin war gebrochen, auch wenn sie noch nicht besiegt waren.
Temudschin wollte zurück in die Mongolei - deshalb paktierte er mit
den Sung, die das südliche China beherrschten, und ließ eine
Schutztruppe unter einem seiner Gefährten, Muchali, in Peking zurück.
Es dauerte noch Jahrzehnte, bis China gänzlich unter der Kontrolle
der Mongolen war, allerdings hatte Temudschin den Grundstein zu der Eroberung
des gewaltigen Reiches gelegt.
Eine seiner wichtigsten Eroberungen war für den Khan allerdings
ein weiser Gelehrter, den er von da an auf alle Reisen mitnahm: der Kin
Yeh-lü Chu-tsai. Obwohl auf der einen Seite immer noch primitiver
Nomade, erfreute sich der Khan durchaus an philosophischen Debatten aller
Art, eine seltsame Angewohnheit für einen Barbaren.
Christian Ilaender, März 1999
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