
Christian Ilaender
9. September 1996
Freie Literatur
Hinweis:
Vorwort:
Vorbemerkungen
Niccolò Machiavelli:
Geboren am 3.5.1469 in Florenz als Sohn eines Rechtsgelehrten. Beamtenlaufbahn im Dienst der
Stadtrepublik Florenz. Dieses befreite sich 1494 vorläufig von der Herrschaft der Medici.
1497 wird Machiavelli in den Rat der Zehn gewählt, welcher dem Rat der Signorie, dem höchsten Organ, untergeordnet war. Später übernahm er dessen Vorsitz. Machiavellis Position führte viele Auslandsreisen im Namen Florenz mit sich, z.B. an den Hof der römischen Kurie, nach Frankreich zu Ludwig dem XII., zu Kaiser Maximilian (Haus Habsburg) oder zu italienischen Kleinfürsten wie Cesare Borgia. Nach 14 Jahren Tätigkeit im Dienste seiner Heimatstadt kehrten die Medici nach Florenz zurück. Sie warfen Machiavelli unter dem Vorwurf der Verschwörung ins Gefängnis und ließen ihn foltern. Schließlich stellte sich seine Unschuld heraus.
1513 wurde Machiavelli auf sein Landgut verbannt und begann
im selben Jahr mit der Niederschrift von DER FüRST. Obwohl die Medici 1527 erneut aus
Florenz vertrieben wurden, wurde er (da er der Kollaboration mit den Medici verdächtigt wurde)
nicht wieder in den Staatsdienst aufgenommen. Er verstarb im selben Jahr.
Außerdem entstanden in der Zeit von 1513 bis zu seinem Tode am 22.6.1527 noch mehrere andere Werke:
ABHANDLUNG ODER GESPRäCH üBER UNSERE SPRACHE, welche zum Ziel hatte, die toskanische Sprache als italienische
Nationalsprache zu etablieren.
ABHANDLUNG üBER DIE ERSTEN 10 BüCHER DES TITUS LIVIUS, ein staatstheoretisches Werk mit
Ähnlichkeiten und Unterschieden zu DER FüRST.
MANDRAGOLA, eine bissige Komödie.
L'ARTE DELLA GUERRA (DIE KRIEGSKUNST)
Und im Auftrag von Giulio de Medici (des späteren Papsts Clemens VII.) DIE GESCHICHTE VON FLORENZ.
Das Erscheinungsdatum von IL PRINCIPE (DER FüRST) ist 1532. Verfasst wurde der Text 1513.
Machiavellis DER FüRST ist im Laufe der Geschichte immer wieder, bewußt oder unbewußt, falsch interpretiert worden. Die abartigen Interpretationen von Machiavellis Werk lassen sich vergleichen mit der Pervertierung von Darwins Theorien. Zum Beispiel benutzten die Nazis eben diese beiden, um einen faschistischen Obrigkeitsstaat zu legitimieren.
Machiavellis Werk aber muß streng in seinem geschichtlichen Kontext gesehen werden. Er verfasste es im angehenden 16. Jahrhundert in Italien. Dieses war zerrissen in Kleinstaaten, Teilstaaten, Zwergkönigreiche, Fürstentümer und den Vatikanstaat. Verschiedene größere Staatsgebilde und mächtige Monarchen, wie der französische König Ludwig der XII. und der spanische König Ferdinand von Aragonien, versuchten in Italien einzufallen. Sie wollten sich Gebiete auf Kosten der ansässigen verfeindeten Geschlechter einverleiben. Machiavelli ist vordergründig von dem Nationalstaatsgedanken überzeugt.
Überschrift Kapitel 26: Aufruf zur Befreiung Italiens von den BarbarenDies war für seine Zeit geradezu visionär und revolutionär. Machiavelli wünschte sich nichts sehnlicher als einen italienischen Nationalstaat, der groß und mächtig genug war mit den anderen Großmächten, wie Frankreich, England, Spanien und der Habsburger Monarchie konkurieren zu können. Wie weit Machiavellis Gedankengut seiner Zeit voraus war, zeigt sich darin, daß sein Traum eines italienischen Nationalstaates erst in den Jahren von 1861-1870 durch Guiseppe Garibaldi verwirklicht wurde. Wären Machiavellis Ideen verwirklicht worden, hätte Italien sicherlich schon vor dieser Zeit eine bedeutendere Rolle spielen können.
Die Abhandlung DER FüRST war speziell an das zu der Zeit in Florenz regierende Geschlecht der Medici gerichtet. Dieses wurde zwar 1527 zum wiederholten male aus Florenz vertrieben, schwang sich aber ab 1551 zu Herzögen (bzw. ab 1569 Großherzögen) der Toskana auf. Dieses machtvolle Geschlecht stellte unter anderem 3 Päpste und 2 Königinnen von Frankreich (Katharina, welche die Bartholomäusnacht verursachte, und Maria) 1737 erlosch das Haus der Medici. Machiavelli gestand diesem Geschlecht die Chance zur Verwirklichung eines italienischen Nationalstaates zu.
,,So verharrt Italien immer noch in Todesstarre und Erwartung, bis der kommt, der es von seinen Schlägen heile, (...)``Machiavelli drückt sich sehr nüchtern und unbeteiligt aus. Er verlangt vom Fürsten Handlungsweisen, die in unserer Zeit als unmenschlich und realitätsfern erscheinen. Man muß seine Ausdrucksweise aber unbedingt im Kontext seiner Zeit sehen. DER FüRST ist gedacht als eine Anleitung oder Gebrauchsanweisung zur Lebenserhaltung von Fürstenhäusern und Staatsgebilden. Warum also bedient sich Machiavelli einer trockenen, manchmal brutal anmutenden Ausdrucksweise?,,Seht auch, wie es durchaus bereit und geneigt ist, einem Banner zu folgen, wofern es nur Einer begriffe. Es gibt aber gegenwärtig niemanden, auf den es mehr Hoffnung setzen könnte als auf euer berühmtes Geschlecht, (...), es könnte die Führung der Befreiung übernehmen``
Fürst wurde man in der Regel nicht aufgrund seiner Qualifikation, oder durch Wahl, so wie es uns heute selbstverständlich ist, sondern durch Geburt oder durch Gewalt. Hierfür nur das Beispiel der Medici, die aufgrund ihrer finanziellen und territoriellen Macht in Italien 3 Päpste stellen konnten, welche sich sicherlich nicht durch besondere Frömmigkeit für dieses heilige Amt auszeichneten. Allein ihre Herkunft machte sie zu Päpsten. Daraus muß man folgern, daß einem großen Teil aller Fürsten (weltlicher wie kirchlicher) wohl kaum alle nötigen Fähigkeiten, wie Charisma oder Führungsqualitäten, zur Erhaltung eines Fürstentums in die Wiege gelegt wurden. Darum konnten sich schlechte, unintelligente und brutale Fürsten, die wie auch immer zu ihrer Würde gekommen waren, nur durch Lügen, Betrügen, Verraten und Bestechen halten. Wenn also ein großer Teil der Fürsten anders nicht überlebensfähig waren, so mußten auch alle guten und fähigen Fürsten diese Mittel anwenden können, um zu überleben. Man lebte in einer Welt, in der ein jeder Fürst eifersüchtig danach trachtete sich selbst zu erhalten und sich nach Möglichkeit an Macht, Land und Leuten zu vergrößern. Unter den Fürstentümern und Monarchien herrschte das Prinzip von fressen und gefressen werden. Auch die niedrigeren Leute waren nach unseren heutigen Maßstäben nicht viel besser; da sie von den Großen extrem ausgenutzt wurden, suchten sie ihrerseits nach jeder sich bietenden Gelegenheit um die Großen auszunutzen oder sie zu Fall zu bringen. Deshalb kommt Machiavelli zu für uns heute eigenartigen Feststellungen, wie
,,Denn von den Menschen kann man im allgemeinen das sagen: Sie sind undankbar, wankelmütig, heuchlerisch, scheuen die Gefahr und sind gewinnsüchtig; (...)``, Kap.17Machiavelli beschreibt tatsächlich nichts weiter, als die Zustände der Menschheit seiner Zeit und speziell seines Landes. Machiavelli ist nun aber nicht nur unbeteiligter Beobachter ohne moralische Bedenken. Er erscheint vielmehr als ein desillusionierter Idealist, der zwar alle guten Eigenschaften begrüßt und für wünschenswert hält, sie aber dem Überleben in seiner Welt unterordnet.
,,(...) [ich] behaupte, daß es gut ist für freigebig zu gelten. Aber die Freigebigkeit, die du übst und die nicht anerkannt ist, ist dir schädlich.``, Kap.16Es läßt sich viel Zynismus in seiner Niederschrift erkennen, vor allem, wenn er von Cesare Borgia spricht, einem rücksichtslosen und machthungrigen Fürsten und Ursupator, der aber andererseits die Ansprüche seiner Zeit erfüllte und sehr erfolgreich war. Machiavellis Visionen (und dies sollten sie für Jahrhunderte bleiben) erfassen allerdings noch weitaus größere Dimensionen. Machiavelli toleriert zwar Grausamkeiten bei der Erschaffung und Sicherung eines neuen Staatsgebildes (wobei er immer die Vorstellung eines italienischen Nationalstaates vor Augen hat), lehnt sie jedoch bei erfolgter Stabilisierung ab.,,So hat er mit seiner Freigebigkeit sehr viele beleidigt und nur wenige beglückt [wenn er durch seine Freigebigkeit höhere Steuern verlangen muß]; (...)``, Kap.16
,,(...), das jeder Fürst danach streben muß, für mitleidig und nicht für grausam zu gelten; (...)``, Kap.17
,,Daher kommt die Streitfrage, ob es besser sei, geliebt als gefürchtet zu werden oder umgekehrt. Ich antworte: Man sollte beides sein.``, Kap.17
,,Die Mühen, die sie bei der Eroberung der Herrschaft haben, kommen zum Teil von der neuen Ordnung und den neuen Formen, die sie zur Begründung ihres Staates und zu ihrer Sicherheit einführen müssen.``, Kap.6Der nüchterne Tonfall, in dem er den Fürsten davon abrät verhaßt zu werden, ist nicht als eine weitere Form einer durchtriebenen Listigkeit eines rücksichtslosen, machtverherlichenden Staatstheoretikers zu werten, sondern als dringlich vorgebrachte Aufforderung eines Bürgerlichen an die Feudalherren/Fürsten (in Machiavellis Falle die Medici). Machiavelli bringt seine Thesen in angemessener Formulierung (vorsichtig und zurückhaltend) den Fürsten (die, wie es seiner Zeit entsprach, um so viel höher standen als er selbst) näher. Sei sollten nach der Konsolidierung gerecht, ehrenhaft, rücksichtsvoll und maßvoll regieren. Somit erklärt sich Machiavellis emotionsloser, einem unaufgeklärten Leser kalt und grausam erscheinender Schreibstil. DER FüRST sollte nicht als Provokation aufgefaßt werden.,,Cesare Borgia galt als grausam; trotzdem hatte diese Grausamkeit die Romagna wiederhergestellt, geeint und wieder zu Frieden und treuer Ergebenheit gebracht.``, Kap.17
Zwar liest sich der Text wie die Betriebsanleitung eines Videorecorders, dennoch bringt Machiavelli oft seine staatsbürgerlich geprägten Tendenzen ein. Er versucht diese unauffällig zu verpacken, dennoch läßt er manchmal seinen Zynismus durchblicken. Besonders beißend allerdings läßt er seinem Spott für Kirchenstaaten freien Lauf, bei denen er ebenso die fehlende Legitimation und Kompetenz zur Fürstengewalt vermißt, wie auch den Willen des Volkes sich von dieser Mißwirtschaft frei zu machen. Er kritisiert des Volkes Dummheit, welches aufgrund von Glauben und Tradition die Kirche weiter verehrt und die Patriarchen im Amt läßt.
,,Nur sie [die Kirchenfürsten] sind Alleinherrscher im Staat und verteidigen ihn nicht; sie haben Untertanen und regieren sie nicht; und obwohl ihre Staaten ungeschützt sind, werden sie ihnen nicht genommen; und obwohl ihre Untertanen nicht regiert werden, kümmern sich diese nicht darum und denken nicht daran, sich ihnen zu entziehen; (...)``, Kap.11Insgesamt läßt sich das obengenannte in der Kommentierung des konservativen preußischen Geschichtsschreibers Leopold von Runke (19. Jht) zusammenfassen:,,(...); denn da diese Fürstentümer von Gott errichtet und erhalten werden, würde es ein Zeichen von Anmaßung und Vermessenheit sein, darüber zu räsonieren.``, Kap.11
,,Machiavelli suchte die Heilung Italiens, doch der Zustand desselben schien ihm so verzweifelt, daß er kühn genug war, ihm Gift zu verschreiben.``Machiavelli beweist seine herausragende staatstheoretische Vorsehungskraft aber noch an andere Stelle.
,,Ferner muß ein Fürst immer der Tüchtigkeit zugetan sein und die Hervorragenden jedes Faches belohnen. (...) [ohne das sich] nicht der Eine davor scheut, seine Besitzungen zu erweitern, aus Angst, sie könnten ihm weggenommen werden, und der andere, einen Handel aufzumachen, aus Furcht vor den Steuern; sondern er muß Auszeichnungen für die bereitstellen, die so etwas tun wollen und auf irgendeine Weise seine Stadt und den Staat bereichern.``, Kap.21Im weiteren Sinne könnte man Machiavelli laut des Zitates als Vordenker der freien Marktwirtschaft bezeichnen. Diese wurde zwei Jahrhunderte später von Adam Smith (
,,Daher muß ein kluger Fürst eine Form ausfindig machen, bei der seine Bürger immer und in jeder Lage den Staat nötig haben; und sie werden ihm dann immer treu und ergeben sein``, Kap.9Ist der Fürst intelligent, gutartig und charismatisch (wovon Machiavelli offenbar nicht viele kannte), so fällt ihm dies leicht. Ist ein Fürst dies aber nicht, so muß der Fürst auch zu den schlimmen Mitteln greifen, die Machiavelli beschreibt, um das Wohl des Staates und der Bürger zu erreichen. Im Gegensatz zu seinem Titel beweist sein Werk Machiavellis Vorliebe für das Bürgertum. Machiavelli ist zwar der Meinung, daß nur eine Fürst es schaffen kann, einem Staat zu Ruhe, Ordnung, Sicherheit und angemessener Gesetzgebung verhelfen kann, dennoch ist der 3. Stand am wichtigsten. Alle seine Ratschläge, die vordergründig dem Wohle des Fürsten dienen, dienen ebenso, oder vor allem dem Wohle des Bürgertums. Zustände wie oben beschrieben, oder der freien wirtschaftlichen Individualität sollten allerdings erst zwei bis drei Jahrhunderte später zu den Forderungen des aufstrebenden Bürgertums werden. Machiavelli sah vielleicht voraus, daß das Bürgertum die Feudalherren irgendwann ablösen würde. Zumindest möchte er die Gleichstellung des Bürgertums gegenüber den Fürsten erreichen. Er versucht seine Tendenz zum Bürgertum nicht allzu offensichtlich darzustellen, läßt sich aber trotzdem ab und zu zu deutlichen Kommentaren hinreißen.,,(...); sondern er muß Auszeichnungen für die [Bürger] bereitstellen, die so etwas tun wollen und auf irgendeine Weise seine Stadt und den Staat bereichern.``, Kap.21
(siehe vorhergehende Zitierung der selben Stelle)
,,(...) denn das Ziel des Volkes ist viel sittlicher als das der Großen: diese wollen unterdrücken und jenes nur nicht unterdrückt werden.``, Kap.9Er wünschte sich ebenso eine wirtschaftliche wie auch kulturelle Entfaltung des 3. Standes.
,,Ferner muß ein Fürst immer der Tüchtigkeit zugetan sein und die Hervorragenden jedes Faches belohnen. Er soll seine Bürger anregen, ruhig ihrer Beschäftigung im Handel, in der Landwirtschaft und jedem anderen Gewerbe nachzugehen, (...)``, Kap.21Machiavelli zeigt sich außerdem in ganz entschiedenem Maße geprägt von den geistigen und kulturellen Einflüssen seiner Zeit. Er ist ein typischer Intelektueller der Renaissance (von rinascimento = Wiedergeburt), einer geistigen Kulturrevolution des 15. und 16. Jahrhunderts. In ihr wurde, ausgehend von Italien, die Wiederbelebung der Antike betrieben, was eine geistige Umformung des Welt- und Menschenbildes mit sich brachte. Machiavellis starke Beeinflussung durch diese Bewegung, obwohl sie eher noch an ihrem Beginn stand, zeigt sich allein an der Tatsache, daß er oft Handlungen und Lebensweise antiker Persönlichkeiten wie Schriftstellern, Kriegern und Herrschern beschreibt und zitiert. Die Renaissance förderte auch den menschlichen Drang nach wissentschaftlichen Entdeckungen und sonstig gearteten neuen Erkenntnissen, entgegen dem Geiste des Mittelalters, in welchem man technischen, politischen und geistig/theologischen Fortschritt mit vielen Maßnahmen entgegenwirkte. Stark beeinflußt von der Renaissance zeigt sich auch ein Shakespeare (
,,Daher beugten die Römer immer vor, weil sie Ereignisse voraussahen, (...). (...) Ihnen mißfiel jenes Wort, daß jeder sagt und das die weisen Leute unserer Tage im Munde Führen: `Kommt Zeit,kommt Rat';(...)``, Kap. 3,,Ich meine daher, daß es besser sei, stürmisch als vorsichtig zu sein; denn Fortuna ist ein Weib, und wenn man sie unterwerfen will, muß man mit ihr streiten und kämpfen. Man weiß, daß sie sich eher von Stürmischen besiegen läßt als von jenen, die kalt erägend vorgehen.``, Kap. 25
,,Seht, wie es Gott bittet, daß er doch jemanden sende, der es von der Grausamkeit und der Qual der Barbaren befreie. Seht auch, wie es durchaus bereit und geneigt ist, einem Banner zu folgen, wofern es nur einer ergriffe.``, Kap. 26
,,(...); denn eine Veränderung gibt immer Anlaß zu weiteren.``
,,Menschen sind entweder liebenswürdig zu behandeln, oder unschädlich zu machen.``Desweiteren sind Kolonien billiger als Besetzung.
,,[Die Krankheit] ist im Anfangsstadium leicht zu heilen und schwer zu erkennen, (...), dann ist es [später] leicht sie zu sehen und schwer sie zu heilen.``Als Beispiel: Die Römer nahmen Ereignisse vorweg und ließen es nicht darauf ankommen, Probleme entstehen zu lassen, um einen Krieg zu vermeiden. Dieser würde nur zugunsten des Gegners aufgeschoben werden. Der Fürst sollte nicht nach der Maxime leben: Kommt Zeit, kommt Rat.
,,(...) Die Zeit jagt alles vor sich her und kann Gutes und Schlechtes mit sich führen.``
,,Eroberungslust ist durchaus der Menschennatur entsprechend (...).``
,,Wer die Ursache dazu ist, daß ein anderer mächtig wird, der gräbt sich selbst das Grab.``
,,Aber in Republiken herrscht mehr Lebensgeist, stärkerer Haß und mehr Sehnsucht nach Rache.``
,,(...), so ist es das bessere Mittel, die Republiken zu zerstören, oder in ihnen zu residieren.``
,,Daher siegen alle bewaffneten Propheten, und die nicht bewaffneten gehen zugrunde.``Auch der Wankelmut des Volkes mag die Regentschaft eines Fürsten beenden.
,,Darum muß man es so einrichten, daß man [das Volk] mit Gewalt zum Glauben zwingt, wenn es nicht mehr glauben will.``
,,Denn die Menschen befehden einander aus Haß oder Furcht.``Es erfolgte die unglückliche Papstwahl von Julius II
,,Wer glaubt, daß bei großen Männern neue Wohltaten altes Unrecht vergessen macht, irrt sich.``
,,Man kann das freilich keine besondere Tugend nennen, seine Mitbürger niederzuschlagen, die Freunde zu verraten, und ohne Treue, Ehrfurcht und Religion dahinzulegen.``Trotz seiner Leistungen kann man ihn aufgrund seiner Würdelosigkeit nicht mit den großen Männern vergleichen.
,,(...), und das Gute, was du tust, hilft dir nicht; denn es gilt als erzwungen und rechnet es dir nicht zum Dank an.``
Zum Volksfürsten wird man durch die Volksgunst oder die Gunst der Großen.
,,Es ist immer so, daß das Volk nicht von den Großen beherrscht und unterdrückt zu werden wünscht und daß die großen Herren über dem Volk seien und es knechten wollen. Aus dem Kampf dieser Richtungen entstehen in einer Stadt Alleinherrschaft, Freiheit oder Zügellosigkeit.``Die Großen erheben dann einen Fürsten aus ihrer Mitte, wenn es gilt, das Volk besser kontrollieren zu können. So ein Fürst kann sich aber nicht leicht halten. Ein Volksfürst vermag Loyalität anzuziehen und außerdem das Volk besser zufriedenzustellen.
,,Außerdem kann man die Großen nicht in Ehren, und ohne den anderen Unrecht zu tun, zufriedenstellen, wohl aber das Volk; denn das Ziel des Volkes ist viel sittlicher als das der Großen: diese wollen unterdrücken, und jenes nicht nur unterdrückt werden.``Der Fürst kann ohne die Großen regieren, da er alle Tage welche dazu machen kann. Die Großen muß man auf zwei Arten behandeln, unter dem Gesichtspunkt, ob sie für oder gegen dich sind. Die, die gegen dich sind, muß man nach Möglichkeit benutzen oder, wenn sie aus Ehrgeiz gegen dich handeln, als Feinde betrachten. Ein Volksfürst muß Freundschaft mit dem Volk halten. Ein Fürst der Großen muß sich die Freundschaft des Volkes erschleichen. Gute Maßnahmen machen denjenigen, von dem man im vorhinein Schlechtes erwartet hat (von den Großen oktrohierter Fürst), populär.
,,Ich komme nun zu dem Schluß, daß ein Fürst mit seinem Volk befreundet sein muß; sonst hat er keine Hilfe im Unglück.``
Kirchenstaaten halten sich aufgrund von Tradition und Gottesfurcht ewig und unantastbar.
Ein Fürst muß gute Grundlagen haben. Fundament alter, wie neuer Staaten, sind gute Gesetze und fähige Truppen. Das eine setzt das andere voraus. Söldner sind als Truppe gefährlich und lockern das Staatsfundament.
,,(...), denn sie sind uneinig, ehrgeizig, disziplinlos und untreu, überheblich den Freunden und feig dem Feind gegenüber; sie sind ohne Furcht vor Gott und ohne Treue gegen die Menschen.``Söldner wollen nur des Soldes wegen deine Soldaten sein und sind nur im Frieden treu.
,,Du schiebst deinen Untergang so lange auf, wie du den Angriff aufschiebst; im Frieden wirst du von ihnen ausgeplündert und im Kriege von deinem Feinde.``
,,Rom und Sparta sind viele Jahrhunderte durch ihre [Volks]heere freigeblieben.``Ehrgeizige, erfolgreiche Söldnerführer trachten auch danach, die Herrschaft an sich zu reißen. Venedig z.B. verlor durch Söldnerheere an einem Tag, wofür man achthundert Jahre gekämpft hatte.
,,Kurz, fremde Waffen fallen von dir ab, erdrücken oder erdrosseln dich``
Die Kriegsführung ist die einzige Kunst, die man von Befehlenden (Fürsten) erwartet. So ist es auch zu erklären, wie andere, die diese Kunst beherrschen und keine Geburtsfürsten sind, Fürsten werden, und Geburtsfürsten, die die Kunst nicht beherrschen, ihren Thron verlieren können. Erster Grund für den Verlust eines Landes ist die Vernachlässigung der Kriegskunst, erste Voraussetzung für den Neuerwerb eines Landes ist die Perfektion der Kriegskunst.
,,Weil Francesco Sforza gerüstet war, wurde er, der Privatmann, zum Herzog von Mailand; seine Söhne, die Herzöge waren, wurden Privatleute, weil sie Waffenübungen scheuten``Ein unbewaffneter Fürst wird von Nachbarstaaten verachtet und kann sich niemals sicher fühlen. Denn auf der einen Seite besteht Mißtrauen, auf der anderen Verachtung. Ein Fürst, der von der Kriegsführung nichts versteht, wird zudem von den eigenen Soldaten verachtet.
,,Aber da es meine Absicht ist, etwas nützliches für den zu schreiben, der es versteht, scheint es mir angemessener, der wirklichen Wahrheit der Tatsachen nachzugehen, als den Warngebilden jener Leute.``Wer das Leben nicht so sieht, wie es ist, sondern wie es sein sollte, arbeitet auf seinen eigenen Ruin hin. Ein ausschließlich guter Mensch wird inmitten der großen Überzahl schlechter Menschen untergehen. Ein Fürst, der sich halten will, muß lernen, schlecht zu sein und davon, je nach Bedarf, gebrauch machen.
,,Ich übergehe also die Dinge, die einem Fürsten angedichtet werden, und setze mich nur mit der Wirklichkeit auseinander.``Aufgrund des menschlichen Charakters vereinigt auch ein jeder Fürst ebenso gute wie schlechte Eigenschaften in sich. Der Fürst muß deshalb so klug sein, üble Nachrede über seine schlechten Eigenschaften zu vermeiden, vor allem, wenn das Gerede seine Staatsgeschäfte beeinträchtigen könnte. Tut er dies aber nicht, kann er sich in dieser schlechten Eigenschaft um so mehr gehen lassen. Außerdem sollte man manche schlechte Eigenschaft nicht unbedingt als solche ansehen und bei Notwendigkeit eventuell ausleben.
,,Denn betrachtet man das Ganze, so wird man finden, daß es scheinbare Tugenden gibt, bei deren Ausübung man zugrunde geht, und scheinbare Laster, bei denen Sicherheit und Besitz gewährleistet sind.``
,,(...), daß er sich im Kriege verteidigen und angreifen kann, ohne sein Volk zu belasten.``So hat der Fürst denen gegenüber als freigiebig zu gelten, denen er nichts nimmt. In unserer Zeit gibt es viele Beispiele, großer knauseriger Männer.
,,Der jetzige König von Frankreich hat so viele Kriege geführt, ohne seinem Land einen Pfennig außerordentlicher Abgabe aufzuerlegen; denn alle außergewöhnlichen Kosten hatte er durch seine lange Sparsamkeit im voraus gedeckt.``
,,(...), denn indem du [Freigiebigkeit] übst, verlierst du die Kraft dazu; du wirst entweder arm oder verachtet, oder, um der Armut zu entgehen, räuberisch und verhaßt. Aber vor allem muß sich ein Fürst hüten, verachtet und verhaßt zu werden; und die Freigiebigkeit führt zu beidem.``Es ist also klüger, als geizig zu gelten, denn dies führt zu Murren, aber nicht zu Haß.
,,Hierzu zwingt mich die Not und die Jugend des geschaffenen Reiches, seine weiten Grenzen zu schützen, mit bewaffneter Wehr.``Dennoch muß ein Fürst mit aller gebotenen Vorsicht und Menschlichkeit vorgehen.
,,(...); denn die Liebe wird von der Fessel der Dankbarkeit zusammengehalten, die, wie die Menschen leider sind, sofort zerbricht, wenn der Eigennutz im Spiele ist; aber die Furcht erhält sich durch die Angst bestraft zu werden, die niemals aufhört.``Allerdings sollte der Fürst versuchen, dem Haß zu entgehen. Gefürchtet zu werden, ohne Haß hervorzurufen, ist ideal. Haß entsteht, wenn man sich am Eigentum oder den Weibern der Bürger vergreift. Grausamkeiten dürfen nur im Schutze des Gesetzes stattfinden. Vor allem muß der Besitz anderer unangetastet bleiben.
,,(...), denn die Menschen vergessen schneller den Tod ihres Vaters, als den Verlust des väterlichen Erbes.``Wer von Ausbeutung lebt, wird allerdings oft die Gelegenheit dazu finden. Blutvergießen, welches dadurch hervorgerufen wird, gibt es aber vergleichsweise seltener.
,,Unüberlegte Schriftsteller bewundern einerseits diese [großartigen] Tatsachen und tadeln andererseits ihre Hauptursache [die Grausamkeit].``
,,Daher muß der Fürst gut verstehen, Mensch oder Tier zu spielen.``Ein Fürst muß wortbrüchig werden, wenn sein Versprechen für ihn ein Nachteil ist und wenn die Gründe, warum er es gegeben hat, wegfallen.
,,(...), eines ohne das andere birgt keine Dauer.``
,,Wenn alle Menschen Engel wären, wäre dieser Vorschlag nicht gut; aber sie sind es leider nicht und würden dir nicht Wort halten; daher brauchst du es ihnen auch nicht halten.``Außerdem findet ein Fürst immer viele Gründe, Vertragsbruch zu rechtfertigen. Ein Fürst braucht nicht alle guten Eigenschaften zu haben, er sollte sie bloß vortäuschen können. Alle guten Eigenschaften sind schädlich, wenn man sich streng an sie hält. Also sollte man sie solange praktizieren, bis die Not schlecht Eigenschaften fordert. Diese müssen in Notzeiten vorhanden und anwendbar sein. Ein Fürst muß, vor allem in neugegründeten Staaten, oft gegen die Menschlichkeit, Milde, Treue, Aufrichtigkeit und Frömmigkeit verstoßen, um den Staat am Leben zu erhalten.
,,Daher muß er [der Fürst] einen Geist besitzen, der sich nach dem Wind und nach dem Wechsel des Schicksals drehen kann, und der, falls es möglich ist, nicht vom Wege des Guten abweicht, aber in Zwanglagen auch das Böse zu tun vermag.``
Eine standfeste Herrschaft, pragmatische Gesetzgebung, Truppen, Bündnispartner und das Wohlwollen des Volkes nehmen jeder Verschwörung die Grundvoraussetzungen.
,,Ein Fürst muß auf die Großen achten, aber darf sich nicht beim Volk verhaßt machen.``
,,So ist, (...), ein Fürst, der den Staat erhalten will, häufig gezwungen, nicht gut zu handeln, denn wenn jene Partei, mag es das Volk, die Soldaten oder die Großen sein, die du deiner Meinung nach zur Erhaltung nötig hast, verdorben ist, so mußt du wohl ihrer Laune folgen, um sie zu befriedigen, und dann wären dir gute Handlungen schädlich.``
,,Ein neuer Fürst hat immer in seinem neuen Lande ein Heer aufgestellt. Er sollte aber nur diejenigen bewaffnen, die ihm gut gesonnen sind und auch diese schwach halten. Seine eigene Armee darf sich nur aus Truppen des Mutterlandes rekrutieren.``Zwistigkeiten stiften selten etwas gutes, da die unterlegene Partei sich immer an fremde Eindringlinge wendet, um Hilfe zu erlangen. Zwistigkeiten können im Frieden nutzen, da die sich uneinigen Parteien sich nicht gegen den Fürsten verbünden. In Kriegszeiten können sie allerdings auch den Fall des Fürsten verursachen.
,,(...); denn niemals fehlt es dem Volk, wenn es einmal die Waffen ergriffen hat, an Fremden, die ihnen helfen.``
,,Die beste Festung ist die, nicht vom Volk gehaßt zu werden.``Die besten Festungen helfen dir nicht gegen das eigene Volk, denn dieses wird in einem Aufstand immer Hilfe von Außen erhalten.
,,(...), so will ich den loben, der Festungen baut, und den, der keine baut, aber den tadeln, der im Vertrauen auf sie es für nichts erachtet, beim Volk verhaßt zu sein.``
,,Und so wird dich immer derjenige, der es nicht gut mit dir meint, um Neutralität bitten, und der dir wirklich wohl will, wird immer wieder Unterstützung und Waffenhilfe verlangen.``Unentschlossene Fürsten, die die Neutralität bevorzugen, gehen deshalb oft zugrunde. Schlägst du dich aber auf die Seite des Siegers, so ist dir dieser zu Dank verpflichtet, egal wie mächtig er ist. Unterliegt dein Bündnispartner aber, so wird er dir dennoch weiterhin beistehen, solange er kann, vielleicht, bis das Blatt sich wieder wendet. Hast du dich vor dem Sieger nicht zu fürchten, solltest du um so eher Partei für ihn ergreifen, denn der Sieg ist mit deiner Hilfe ganz sicher, und Sieger und Besiegter geraten in deine Abhängigkeit.
,,Denn es liegt nun einmal im Lauf der Welt, daß man einer Unbequemlichkeit zu entgehen sucht und wieder in eine andere fällt; aber die Klugheit besteht darin, die Größe der Unbequemlichkeiten zu erkennen und das kleinere Übel zu wählen.``
Außerdem sollte der Fürst Feste und Feiern fördern, um den Bürgern Wohlbefinden zu ermöglichen. Er sollte Bürger-, Gilden- und Zunftversammlungen bei Gelegenheit beiwohnen und dort, ohne würdelos zu wirken, als menschenfreundlich und freigiebig auftreten.
Der Fürst kann über drei Arten von Intelligenz verfügen. Er versteht alles von sich aus, er erkennt, was andere zu begreifen vermögen oder aber er erkennt, weder von sich aus, noch mit Hilfe anderer, irgendetwas.
,,Die erste ist die bedeutendste, die zweite ist gut und die dritte unbrauchbar.``Verfügt ein Fürst nur über die zweite Intelligenz, so vermag er immerhin, das gute und das schlechte einer Tat zu bewerten, auch wenn sie nicht von ihm ist. Er kann seine Minister durchschauen, sie entsprechend loben oder tadeln, und diese werden nicht versuchen, ihn zu betrügen.
,,Ein Fürst, der nicht von sich aus klug ist, kann niemals gut beraten werden, es sei denn, er verläßt sich auf einen einzelnen sehr gescheiten Mann, der ihn völlig leitet.``Dann jedoch besteht die Gefahr, daß dieser Mann ihm die Krone entreißt. Ein unkluger Fürst wird seine Ratgeber niemals zu einem Entschluß bringen können, wenn sie uneins sind, da diese immer an ihren Vorteil denken.
,,Andere wird man nie finden; denn die Menschen sind traurige Gesellen, wenn sie nicht die Not zwingt, gut zu sein.``,,Daher schließe ich: gute Ratschläge, (...), müssen durch die Klugheit des Fürsten zustande kommen und nicht die Klugheit des Fürsten durch gute Ratschläge.``
,,(...) und wenn sie heute das Glück finden, dann freuen sie sich daran und suchen nichts anderes; sie werden in jeder Weise zu seinem Schutze für ihn [den Fürsten] eintreten, falls er es nur einerseits an allem übrigen nicht fehlen läßt.``,,So wird er doppelten Ruhm erwerben, weil er einer neuen Herrschaft den Fürsten gegeben, sie durch seine guten Gesetze zu Ehren gebracht und durch ein tüchtiges Heer und bedeutende Taten bestärkt hat. Doch den trifft doppelte Schande, der, obwohl Fürst von Abstammung, sie durch seine Torheit verloren hat.``
,,(Es ist ein allgemeiner Fehler der Menschen, nicht in den Zeiten der Meeresstille mit dem Sturm zu rechnen.)``Auf das Volk sollte man sich nicht verlassen, denn dann steht es nicht in deiner Macht, ob du im Amt bleibst oder nicht, oder ob du in den Amt zurückgeholt wirst oder nicht.
,,Nur der Selbstschutz ist brauchbar, zuverlässig, dauerhaft und ist von dir persönlich und deiner Tüchtigkeit abhängig.``
,,Ähnlich steht es mit dem Schicksal; es zeigt seine Macht, wo keine Kraft zum Widerstand bereitgestellt ist, und es wälzt dorthin seine Macht, wo keine Dämme und Deiche da sind, es aufzuhalten.``
Es gibt verschiedene Arten, zur Macht zu kommen und diese zu halten: Vorsicht, Gewalt, Geschick und Ungestüm. Welches von den letzteren gerade angebracht ist um eine Herrschaft zu halten, hängt von dem entsprechenden Zeitgeist ab. Dabei kommt auch das Glück ins Spiel: Der eine hat Erfolg mit einer bestimmten Methode. Wechselt der Zeitgeist, hat der nächste, der diese Methode anwendet, keinen Erfolg. Dennoch kann man schlecht seine Natur wandeln, und wenn einem auf einem bestimmten Wege immer Glück beschieden war, ist es schwer, den Weg zu verlassen. Also wird ein vorsichtiger Mann untergehen.
,,Denn Fortuna ist ein Weib, und wenn man sie unterwerfen will, muß man mit ihr streiten und kämpfen.``,,Daher ist das Schicksal wie das Weib der Jugend hold, weil sie ihm weniger vorsichtig, wilder und kühner ihren Willen aufzwingt.``
,,Gerecht ist der Krieg in der Not, und gesegnet sind die Waffen, wenn sie die einzige Hoffnung sind.``Als letztes rufe ich die Medici zur Errichtung eines Heeres und zur Befreiung Italiens auf.,,Gott will nicht alles tun, um uns nicht den freien Willen und den Teil des Ruhms zu nehmen, der uns gebührt.``
Der größte Fehler, den wir Machiavelli antun können, ist, ihn, und seinen Text, nicht im Kontext seiner Zeit zu betrachten. Immer wieder wurde sein DER FüRST für zumeist verbrecherische Absichten mißbraucht, wenn Regime und Diktaturen sich auf ihn beriefen, ohne die volle Größe und Reichweite seines Werkes zu beachten (siehe Vorwort), und ohne die Zeit zu beachten, in der er DER FüRST schrieb. So ist es unmöglich, Machiavellis Vorstellungen auf die heutige Zeit in irgendeiner Form zu übertragen, außer man pickt sich einzelne Standpunkte heraus (und dabei natürlich diejenigen, die einem am dienlichsten sind), und vergißt alles darüberhinausgehende. (Näheres siehe Vorwort)
Durch alle Zeiten hindurch haben Könige, Königinnen und andere Monarchen und Regierungssysteme Machiavelli bewußt oder unbewußt angewendet, was beweist, daß DER FüRST teilweise nur eine Tatsachenbeschreibung von Regierungsmethodik ist. So zeigt sich, daß besonders allgemein als ,,groß`` bezeichnete Monarchen gezwungen waren, Machiavellismus anzuwenden. Ein Beispiel wäre Königin Elisabeth I. von England (1533 - 1603). Diese belog und betrog König Phillip von Spanien. Jener war zuvor mit Elisabeths Schwester bis zu deren Tod verheiratet ( ,,Bloody``- Mary), und war somit daran interessiert, auch Elisabeth zu heiraten, um sich wieder König von England nennen zu können. Elisabeth hielt ihren Umwerber mit geschickten Hinhaltetaktiken von sich fern. Sie heuchelte zwar Interesse, vertröstete Phillip aber immer wieder auf spätere Zeitpunkte. Währenddessen schickte sie ihre berühmten Freibeuter (aus spanischer Sicht Piraten) aus, auf das sie die Reichtümer Spaniens in Übersee plünderten. Zu dieser Zeit war England nicht an einer offenen Konfrontation mit Spanien interessiert, und hätte sie wohl auch kaum überlebt. Deshalb mußte Elisabeth Phillip betrügen, um auf seine Kosten England zu Größe zu verhelfen. Elisabeths berühmtester ,,Pirat`` war Francis Drake, der, nachdem er die spanischen Kolonien an der amerikanischen Westküste ausgeplündert hatte, und die Welt umsegelt hatte, bei seiner Rückkehr nicht wie von Spanien gefordert enthauptet, sondern in den Adelsstand erhoben wurde. Phillip übertrug seinem General Medina Sidonia den Befehl über die Armada, welche den Auftrag hatte, England zu erobern. Elisabeth vergab das Oberkommando über ihre Flotte aber nicht dem Rang nach, sondern der Befähigung nach, und hielt sich somit wiederrum an Machiavellis Denkweisen. Die englische Flotte siegte (1588) über die zahlenmäßig haushoch überlegene Armada, da sowohl die englischen Offiziere qualifizierter waren, wie auch ihre Flotte wesentlich moderner als die spanische war (ebenfalls Machiavellinismus).
Ein weiteres Beispiel liefert uns König Ludwig XIV. von Frankreich (Sonnenkönig, (1638 -1715). Dessen absolutistisches Herrschaftssystem verwirklicht wohl am besten Machiavellis Vorstellung von einem Fürsten, der die entscheidenden Zügel seines Landes fest in der Hand halten soll, und dessen Entscheidungsgewalt unanfechtbar sein soll. Dafür standen Ludwig beratend der Ministerrat und die Notablenversammlung zur Seite. Die Gerichte, die bürgerlich geprägt waren, hatten Möglichkeiten königliche Beschlüße abzulehnen, oder sie zumindest zu verzögern. Ludwigs Entmachtug des Adels zeigt seine Orientierung in Richtung Bürgertum, ähnlich wie es Machiavelli vorschwebte. Das unter Ludwig praktizierte Handelssystem des Merkantilismus stellt allerdings eher das Gegenteil zum Machiavellismus dar, welcher ja eher in Richtung freie Marktwirtschaft, wenn auch in abgeänderter Form, tendiert. Der Merkantilismus sollte im 19. Jahrhundert durch eben diese abgelöst werden. Sogar Herrscher, die sich offen gegen Machiavelli ausgesprachen, wendeten ihn später an. So zum Beispiel Friedrich II. von Preussen (Der Große), der in seiner Jugendzeit einen Anti-Machiavelli verfasste, aber ohne die Anwendung des Machiavellismus (vor allem im Sieben Jährigen Krieg) heute wohl kaum Der Große genannt werden würde.
Sogar seinen scheinbar heftigsten Gegnern kann man vorwerfen, sich an Machiavelli gehalten zu haben, wenn die Not es von ihnen verlangte. So stimmte zum Beispiel die SPD 1914 dem sogenannten Burgfrieden zu, also einer Budgeterhöhung im Reichstag, welche den ersten Weltkrieg ermöglichte. Man beugte der von konservativer Seite geschürten Kriegs-Euphorie, und der daraus resultierenden Stimmung im Volke wider besseren Wissens, weil eine unpopulärere Entscheidung die SPD, die zu der Zeit ohnehin an Profilverlust litt, vielleicht eine Unmenge von Wählerstimmen gekostet hätte. Um dies zu kommentieren, zitiere ich einfach Machiavelli:
,,(...), denn wenn jene Partei, mag es das Volk, die die Armee, oder die Großen sein, die du deiner Meinung nach zur Erhaltung nötig hast, verdorben ist, so mußt du wohl ihrer Laune folgen, um sie zu befriedigen, und dann wären dir gute Handlungen schädlich`` (Kap.19)
Machiavelli beschreibt unvermeidliche politische Tatsachen, an welchen keine Monarchie, Oligarchie oder demokratische Regierungsform vorbeikommt. Machiavelli will, im Gegensatz zu weitläufigen (und uninformierten) Meinungen, nicht das Wohle einzelner (der Fürsten) fördern, sondern das Wohle aller, und dabei besonders das des Bürgertums. Er stuppst in allen Kapiteln und Passagen in denen es es darum geht ,,nicht verhaßt zu werden`` den Fürsten mit der Nase darauf, daß sein Wohl und Wehe vom Volke abhängt. Wer Machiavelli komplett liest, wird ihn nicht andersherum interpretieren können. Um das Wohl des Volkes zu erreichen muß ein Fürst ab und an auch unpopuläre Entscheidungen fällen. Solche müssen aber auch demokratischen Abgeordnete (wie zum Beispiel die der Bundesrepublik) fällen können. Daher wurde ein freies Mandat für Abgeordnete gesetzlich festgelegt, damit sie jederzeit die Möglichkeit haben, den wahren Volkswillen herauszufinden (auch wenn dieser nicht der aktuellen Meinung im Volke entsprechen sollte, und danach zu entscheiden, auch wenn die Entscheidung absolut unpopulär sein sollte.
Machiavellis erstaunliche und nahezu nihilistische Einsicht in die Schlechtigkeit der Menschheit, beruht, womit sich der Kreis schließt und ich wieder auf den Ausgangspunkt zurückkomme, auf dem Bild, welches die Menschheit in seiner Zeit abgab. Dieses war sicherlich ein ziemlich trauriges (siehe auch Vorwort). Sicherlich treffen manche von Machiavellis Aussagen nichtsdestotrotz heute noch zu, denn auch heute kann man nicht behaupten, die Menschheit wäre durch und durch gut. Schlechte Menschen gab es damals, wie heute, und es wird sie immer geben.
Vieles hat sich aber doch verändert, und so sollte man aus der Lektüre Machiavellis lernen, sich kopfschüttelnd bedanken daß man in unserer Zeit leben darf (jedenfalls politisch gesehen), und nicht versuchen ihn wortgetreu auf heute zu übertragen.
Niccolò Machiavelli - Der Fürst
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latex2html -split 0 machi.tex.
The translation was initiated by Stephan Ilaender on Mon Sep 9 17:03:04 MET DST 1996