September 28, 2022

Dschingis Khan und sein Angriff auf China (1206 – 1216)


Im Jahre 1206 hatte Dschingis Khan die mongolische Steppe vollkommen unter seiner Kontrolle. Ein im diesen Jahr einberufenes Kuriltai (Heeresversammlung) rief Dschingis Khan noch einmal ausdrücklich zum Herrscher aus. Was aber unterschied den Khan von anderen Herrschern? War er nicht auch nur eine zufällige Erscheinung der Geschichte und würde ebenso schnell wie Kabul Khan im Dunkel der Zeit verschwinden?
Man kann Temudschin vieles vorwerfen. Er war ein Nomade der weiten Steppe und befolgte als solcher auch die Regeln, mit denen er aufgewachsen war. Feinde wurden gnadenlos verfolgt und ausgemerzt. Auch Frauen und Kinder fielen dem blutrünstigen Wahn zum Opfer. Jedes unterworfene Volk hatte unter Vergewaltigung, Raub und Mord zu leiden – so machte sich Temudschin denn auch des mehrfachen Genozids schuldig.
Auf der anderen Seite war der Mann durchaus kein Narr. Er kannte die Geschichte seines Reiches und wußte, daß die Machtkonstellationen der Steppe ihn nach oben gespült hatten; ebensoleicht konnten sie ihn wieder hinabspülen und wenn nicht ihn, dann zumindest seine Söhne. Deshalb begann er mit der Organisation eines straffen Kriegerstaates, in welchem die bisher bestehenden Strukturen vollkommen zerschlagen wurden. Nun waren es nicht mehr die alten Adelssippen, die aufgrund ihres Namens und ihrer Ahnen Führungsansprüche hatten, sondern Männer, die auf dem Schlachtfeld Ehre erhalten hatten, allen voran die Freunde des Khans, welche ihn schon früh begleitet hatten.
1206 zählte die Heeresversammlung 96 Tausendschaften, aufgeteilt in Tumane (10.000 Krieger), dann Tausendschaften, Hundertschaften und schließlich 10 Mann, welche Befehle von einem Vorgesetzten erhielten. Die Tausendschaften wurden in aller Regel von verschiedenen Völkerschaften gestellt. Dem Khan dienten etwa 30 Völkerschaften, ca. 2 Millionen Menschen, von denen 400.000 echte Mongolen waren. Als der Khan starb, soll das Heer etwa 230.000 Mann gezählt haben. Somit sei auf eine weitere Leistung des Khans verwiesen: Obwohl die Stämme innerhalb von zwanzig Jahren unter seine Fahne gezwungen wurden, wuchsen sie doch in nahezu derselben Zeit zu einer Einheit zusammen. Temudschin hatte als erster eine mongolische Nation begründet, welche sich mächtig gegen äußere Gegner wendete, anstatt wie seit Jahrhunderten an der Tagesordnung, untereinander blutige Fehden austrug. Bauern und Seßhafte in der mongolischen Bevölkerung waren die Verlierer (ihnen wurde eine gnadenlos hohe Kopfsteuer auferlegt), die Krieger die großen Gewinner.
Eine zweite Leistung Temudschins, die ihn nun wahrlich von seinen Vorgängern unterschied, war die Erschließung der Schrift für sein Volk und die Erstellung einer Verfassung. Wir hörten schon von dem Uiguren Tatatonga, dem einstigen naimanischen Reichskanzler. Dieser verfaßte auf Befehl des Khans die Biliks (Lehrsätze) und vor allem die Jassa (Gesetze, Befehle). Diese beiden Gesetzeswerke gaben den Kriegern und dem Volk Temudschins verbindliche Weisungen, wie sie sich zu verhalten hatten, etwa bei Streitigkeiten um Eigentum oder im Kampf. Ziel war, den Gehorsam und die Disziplin, welche im Heer herrschten, auch im einfachen Volke zu verankern um einen starkes Korsett für den Kriegsapparat zu ermöglichen.
So wies er einen seiner Adoptivsöhne an, eine Juristikation festzulegen, also verbindliche Gerichtsurteile. Der Khan pflegte aus Völkern, welche er unterworfen oder vernichtet hatte, einen Jungen seiner Frau oder seiner Mutter zu schenken. Diese adoptierten das Kind, welches gleichberechtigt mit den leiblichen Söhnen des Khans aufwuchs und zur Familie gezählt wurde. So wuchsen in der Jurte des Khans immer eine Gruppe junger talentierter Männer heran, welche dem Khan Dank und Loyalität schuldeten, ein großer Rückhalt für Temudschin. Auch Schigiqutuqu war ein solcher Adoptivsohn (er stammte aus dem Volk der Tataren, welches der Khan nahezu ausgerottet hatte). Eben diesen der Schrift kundigen jungen Mann wies Temudschin an, Gesetze, Urteile und Entscheidungen niederzuschreiben um Diebstähle, Mord und sonstige Vergehen zu regeln. Dieses „Blaubuch“ sollte dann verbindlich sein und auch von den Nachkommen des Khans befolgt werden. So kam ein Tatarenjunge ohne Volk zu der Position des obersten Richters der Mongolen.
Mit einer Bestimmung hatte Temudschin allerdings wenig Erfolg: dem Untersagen des Saufens. Die Mongolen sprachen häufig und in rauhen Mengen dem Kumys zu, gegorener Ziegenmilch. Später, als sie dieses Kulturgut eroberten, auch dem Traubenwein. Dem Khan, der selbst immer maßvoll – wenn auch kein Kostverächter – gewesen war, wollte diesem Treiben einen Riegel vorschieben. Allerdings waren seine eigenen Söhne Ugedei und Tolui die häufigsten Zecher und verstießen in aller Öffentlichkeit gegen das Gebot ihres Vaters. Sie wurden nicht bestraft und die Bestimmung geriet über kurz oder lang in Vergessenheit.
Bevor sich der Khan nach China wendete, erhielt Dschotschi den Befehl, die nördlichen Waldvölker zu unterwerfen. Dieser erfüllte den Auftrag mit Bravur und der „Gast“ erhielt die ausdrückliche Belobigung des Vaters. Es scheint offensichtlich, daß der Khan seit der Reichseinigung geplant hatte, in China einzufallen. Die reichen Städter, welche sich hinter der Chinesischen Mauer zu verbergen suchten, zogen die vergleichsweise armen Nomaden wie ein Magnet an. Ob der Khan schon damals mit dem Gedanken spielte, die Welt zu erobern, darf allerdings bezweifelt werden.
Bevor der Khan sich mit den Kin maß, wandte er sich zuerst den Tangut in ihrem Reich Hsia-Hsia zu, südlich der Wüste Gobi und westlich der Kin.
Im Frühjahr 1209 durchquerte Temudschin die Gobi und gelangte im Mai vor die Stadt Wolohai. Der Stadtkommandeur wird sich kaputtgelacht haben, als die Nomaden ihre übliche Taktik anwendeten: Aus der Sonne kommend, stürmten sie gegen die Mauern der Stadt. Nun war der Angriff aus der Sonne bei einem Reitergfecht in der Steppe eine kluge Sache – bei einem Angriff auf eine Stadt allerdings eine Dummheit, da sich die Angreifer immer in der prallen Sonne befanden, leicht erkennbar für die verteidigenden Bogenschützen (klüger ist ein Angriff gegen die Sonne, da sich der Angreifer schließlich im Schatten der Mauern befindet). Ebenso dumm mußten sich die angekommenen Mongolen vor der Stadtmauer vorgekommen sein. Wie in Monty Pythons „Ritter der Kokusnüsse“ haben sie mit ihren Schwertern hilflos auf die Mauer eingeschlagen, während sie von oben mit Pfeilen, Steinen und kochendem Wasser getroffen wurden.
Ratlos zogen die Mongolen sich zurück – sie waren nicht fähig, eine befestigte Stadt einzunehmen. Allerdings wäre Temudschin nicht zum Dschingis Khan geworden, wäre er nicht so enorm schlau und listig gewesen.
Er belagerte die Stadt und forderte von dem Stadtkommandanten die Erfüllung folgender Bedingungen, bevor die Mongolen abzogen: da man die städtische Kultur erlernen wollte, sollte man 1.000 Katzen und 10.000 Schwalben fangen und sie den Mongolen übergeben. Wieder wird der Stadtkommandant gebrüllt haben vor Lachen und erfüllte dem Barbaren seinen Wunsch; allein dieses Mal wird ihm der Brocken im Halse stecken geblieben sein.
Die Mongolen versahen die Tiere mit einem Baumwollstreif und zündeten sie an. Die geplagten Tiere wurden daraufhin freigelassen und flohen zu den bekannten Zufluchtsorte in die Stadt zurück. Als diese lichterloh brannte, griffen die Mongolen an – Wolohai ergab sich schließlich. Ob nun Legende oder Wahrheit, erzählenswert ist die Geschichte auf jeden Fall.
Im Sommer verloren die Mongolen eine Schlacht gegen die Tangut (aus taktischen Gründen?). Während sie angeblich vor den Tangut auf der Flucht waren, fiel Temudschin über die siegestrunkenen Verfolger her und vernichteten sie. Die Hauptstadt Ning-Hsia wurde allerdings erneut umsonst belagert. Die Mongolen versuchten einen Fluß umzuleiten, um die Wasserzufuhr der Stadt zu beseitigen, allerdings brach der erbaute Staudamm und das Wasser ergoß sich in das mongolische Lager, wobei etliche zu Tode kamen (Januar 1210). Der Tangutkönig hatte allerdings die Nase voll von den marodierenden Horden und handelte einen Friedensvertrag aus. Laut diesem wurde Tangut tributpflichtig, mußte jedoch keine Heeresfolge leisten. Allerdings sollte Hsia-Hsia Begleitpersonal und Kamele für den Armee-Tross stellen. Zur Unterstreichung der guten Absichten gab man Dschingis Khan eine Tochter des Königs zur Frau – diese Tochter kann der König nicht sonderlich geliebt haben, denn er würde seine Versprechen nicht einlösen. Dies sollte der Untergang seines Volkes sein.
Temudschin war also leidlich erfolgreich gewesen, mußte jedoch anerkennen, daß die Mongolen unfähig waren, Städte aus eigener Kraft zu erobern. Also stellte er ein Corps von Belagerungsspezailisten auf, welche er seinem Sohn Chagadai unterstellte. In der Folge dienten diverse Ausländer in dem Mineur-Trupp und spätestens mit dem Angriff auf das islamische Choresm-Reich waren die Mongolen Spezialisten im Erobern von Festungen.
Bevor er sich nach China wendete, mußte Temudschin einer Gefahr im eigenen, mittlerweile gewaltigen, Ulus Herr werden. Seit Jahren hatte sich der Khan mehr und mehr auf seinen Hauptschamanen verlassen und dessen Einfluß wuchs stetig. In den Jahren, in denen Temudschin gegen die Kereit und Dschammucha kämpfte, konnte er sich auf die propagandistischen Weissagungen Kökötschüs zu seinen Gunsten verlassen. Dieser war ein Sohn Mungliks, ein alter Gefolgsmann von Temudschins Vater, welcher nach dessen Tod die Mutter des Khans geheiratet hatte. Der Schamane wurde immer mächtiger und dreister, bis er schließlich beinahe in aller Öffentlichkeit nach der Macht griff (was einfach fiel, da das einfache Volk ihn liebte und Temudschin ihn und seine Macht fürchtete – vor allem, nachdem der Schamane offenbar behauptete, er kommuniziere mit dem Geist des von Temudschin hingerichteten Dschammuchas). Kökötschü bereitete den großen Schlag vor. Er denunzierte Khassar und behauptete, dieser wolle eine Revolte anzetteln. Temudschin ließ seinen Bruder, welcher ihm bei seinem Mord am Halbbruder Bektar geholfen hatte, festnehmen und aller Würden entledigen. Offenbar bereitete er auch die Hinrichtung vor. Nun griff Hoelun ein, die dem Treiben schon zu lange zugesehen hatte. In einer ergreifenden und aufopfernden Rede vor Temudschin und dessen Gefährten ergriff sie Partei für Khassar. Beschämt befreite der Khan Khassar und gab ihm alle Ämter und Würden zurück. Kökötschü mißachtete alle Warnzeichen und verprügelte in aller Öffentlichkeit gemeinsam mit seinen Brüdern den jüngsten Bruder des Khans: Temuge-Odschigin. Dies war zuviel: in aller Heimlichkeit befahl der Khan seinem kleinen Bruder und zwei weiteren Männern, dem Schamanen aufzulauern und ihn zu töten. Dies geschah, die Leiche wurde beiseite geschafft. Dem einfachen Volk erklärte man, Kökötschü wäre in den Himmel zu Tengri, der Gottheit der Mongolen, aufgefahren, um dort für sein Volk zu wirken. Abschließend wurde ein leichter zu kontrollierender Mann als Hauptschamane eingesetzt.

1211 wandte sich Temudschin gegen das reiche China, welches Beute verhieß. Außerdem bestand die Gefahr, daß die Kin von sich aus losschlagen würden, da der mongolische Staat für sie immer mehr zur Bedrohung werden mußte. Im Juni 1211 überwanden die Mongolen also die Große Mauer, wobei ihnen die in der chinesischen Armee dienenden Ongut behilflich waren. In China wurden den ca. 130.000 Mann Dschingis Khans mehrere gewaltige Armeen entgegengeschickt (vielleicht 250.000 Mann), denn das Reich der Kin, die erst seit einem Jahrhundert in diesem Reich regierten, zählte an die 30 Millionen Einwohner. Temudschin besiegte alle diese Armeen im offenen Feld. Der folgende jahrelange Feldzug war eine blutige und schmutzige Angelegenheit. Da Temudschin erneut an der Belagerung großer Städte scheiterte, hielt er sich an der Landbevölkerung oder den kleineren Dörfern schadlos. Das Reich der Kin wurde verwüstet und Leichen müßten es allenthalben bedeckt haben.
Obwohl das Heer des Khans bis 1214 starke Verluste durch Seuchen während der Belagerung Pekings erhalten hatte, bot ihm der Kaiser einen günstigen Frieden an. Als sich Dschingis Khan mit reicher Beute (Gold, Silber, 3.000 Pferde, 500 Jungen und Mädchen, inklusive einer Kin-Prinzessin für ihn selbst) zurückzog, verließ der Kaiser Peking, offenbar um stärkere Verbände zusammenzustellen. Temudschin kehrte nach Peking zurück, belagerte es erneut und schließlich fiel die Stadt. Im Winter 1214 tobten die Mongolen durch die Straßen der ehemligen Kin-Hauptstadt, verwüsteten und plünderten die Kulturhochburg. Nach einem vierwöchigen Blutbad zogen die Mongolen ab, kaum einen Stein auf dem anderen hinterlassend.
Die Macht der Kin war gebrochen, auch wenn sie noch nicht besiegt waren. Temudschin wollte zurück in die Mongolei – deshalb paktierte er mit den Sung, die das südliche China beherrschten, und ließ eine Schutztruppe unter einem seiner Gefährten, Muchali, in Peking zurück. Es dauerte noch Jahrzehnte, bis China gänzlich unter der Kontrolle der Mongolen war, allerdings hatte Temudschin den Grundstein zu der Eroberung des gewaltigen Reiches gelegt.
Eine seiner wichtigsten Eroberungen war für den Khan allerdings ein weiser Gelehrter, den er von da an auf alle Reisen mitnahm: der Kin Yeh-lü Chu-tsai. Obwohl auf der einen Seite immer noch primitiver Nomade, erfreute sich der Khan durchaus an philosophischen Debatten aller Art, eine seltsame Angewohnheit für einen Barbaren.