September 28, 2022

Kaiser Karl der Grosse. Krieger, Christ und Reformator.


Bevor die geschichtlichen Ablaeufe beschrieben werden, die zur Kaiserkroenung fuehrten, ist eine Betrachtung von Karls Persoenlichkeit, seines Hoflebens und seiner Reformen mehr als nur einen kurzen Blick wert. Wie schon beschrieben war Karl ein Familinemensch, sein oft diskutiertes Verhaeltnis zu seinen Toechtern wurde schon erwaehnt. Familie hatte er auch genug, denn obwohl ihm seine vierte Gattin Luitgard (Fastrada war 794 gestorben) keine Kinder mehr schenkte, so hat er mit seinen Frauen und diversen Konkubinen nachweislich mindestens 18 Nachkommen gezeugt. Luitgard starb 800, woraufhin Karl keine ehe mehr einging. Die meisten Kinder und Enkel Karls durften an seinem Hof Leben und genossen eine ausgezeichnete Erziehung. Ausnahme war der unglueckliche aelteste Sohn, Pippin der Bucklige, der nach seiner missglueckten Revolte in Klosterhaft sass.

Karl selbst wurde wohl nicht nur aufgrund seiner Reformen und seiner ueberaus erfolgreichen Herrschaft „der Grosse“ genannt. Auch koerperlich ueberragte er die meisten seiner Mitmenschen, er war ein hervorragender Krieger, der die mehr als die Haelfte seines Lebens im Sattel bei Kampfeinsaetzen zubrachte. Er liebte sowohl das Schwimmen (z. B. in den heissen Vulkanquellen um Paderborn und Aachen) und das Jagen. Dennoch war er keinesfalls primitiv; im Gegenteil, alle Anzeichen weisen daraufhin, das er, obwohl er zeitlebens des Schreibens kaum maechtig wurde (es hatte nicht zu seiner Schulausbildung gehoert) ein Intelektueller war, der den Wert der Bildung hoch schaetzte. Bekannt war, das er erstaunliche Sprchkenntnisse an den Tag legte und dass er das lateinische meisterlich beherrschte. So setzte Karl erstaunliche Reformprogramme in Bewegung, die zwar oft in den kinderschuhen blieben, oder nach seinem Tod aus den Augen verloren wurden, doch waren allein die Ideen zu jener Zeit ein absolutes unicum.

Um diese Ideen ueberhaupt ausarbeiten und durchfuehren zu koennen, brauchte Karl ein Beratungsforum. Dazu avancierte mit der Zeit sein Hof, sein palatium. Karl erweiterte die klassischen Hofaemter aus der Merowingerzeit (Seneschalk, Kaemmerer, Mundschenk, Stallgraf) um das des obersten Hofkapellans, was seine starke christliche Identifikation zeigt.

So war dann auch ein Geistlicher einer der einflussreichsten Berater Karls, einer derjenigen, die in den Kreis der Gelehrten und Wissenschaftler um den Koenig ein Anfuehrer wurde. Alkuin von York, der seit 781 bei ihm war, hatte einen nicht abzuschaetzenden Einfluss auf Karl und sein Reich. Anders als seine Vorfahren, belebte Karl neben der Kriegskunst auch andere Kuenste in seiner Herrschaftszeit. Er war ueberzeugter Christ und Bildungsfanatiker. So reformierte er beispielsweise die lateinische Schriftsprache, der merowingische Minuskel wurde durch den ordentlicheren und besser lesbaren karolingische Minuskel abgeloest. Aber Karls Reformplaene gingen noch weiter: in seinen vielseitigen capitularien liess er Stammesrechte und Bebauungsanweisungen abfassen, etwas, was bisher einzigartig war (am Rande: Karl wies zum Beispiel die Anpflanzung von Feigennaeumen an, was zeigt, dass das Klima um 800 herum einige Grade waermer gewesen sein muss).

Ein weiteres Faktum zeigt die Bildung und Kultur Karls: die Ratgeber, die ihm bei Hofe zur Seite standen, waren durchaus nicht wie frueher ueblich gewesen hochgeborene Franken, sondern Gebildete aus vielen Laendern. So war Alkuin beispielsweise aus England, einem Land, das eifrige und belesene Gelehrte hervorbrachte, von denen er einer der fuehrenden war. Weiterhin diente Paulus Diaconus an Karls Hof, ein Langobarde, der nach der Unterwerfung des Reiches zu ihm stiess (Unterdrueckung von Unterworfenen war also ebenso nicht an der Tagesordnung). Diaconus stammte aus dem italienischen Kloster Montecassino und wuerde in Karls Auftrag die beruehmte Langobardische Geschichte verfassen. Desweiteren befand sich auch der gebuertige Westgote Theodulf unter den Gelehrten Karls.

Was waren die Aufgaben, die auf diese Gelehrten zukamen? Der Hof kam in Karls Anwesenheit generell nur im Winter zustande, denn im Sommer befand er sich auf Kriegszuegen (fanden diese in der Naehe des Reiches statt, gab es auch im Sommer das palatium. Das hier keine feste Residenz des Hofes genannt wird, liegt daran, das die Frankenherrscher traditionell zwischen ihren verschiedenen Koenigsguetern umherwanderten und nie lange an einem Ort blieben. Lieblingsaufenthalte Karls waren beispielsweise die Koenigspfalzen von Quierzy, Attigny, Herstal, Diedenhofen, Nimwegen, Worms und Ingelheim. Erst in spaeteren Jahren. als Karl die Kriegsfuehrung mehr und mehr seinen Soehnen ueberlassen konnte, residierte er laenger und dann staendig in Aachen.

 
Die Königspfalz zu Aachen war auch symbolisch wichtig für Karl 
Die Gelehrten von Karls Hof verdraengten die fraenkischen Berater durchaus nicht, vielmehr erweiterten sie das Spektrum des palatiums. Ihre Aufgabe war das vielfaeltige verfassen von grammatischen und theologischen Texten in Mustertexten, Lehrbuechern u.ä. Diese Muster wurden an Kloester versendet, die ihre eigenen Buchbestaende zu korrigieren hatten und Unterricht gemaess den Anweisungen erteilten. Es entstanden die Schriftschulen, die „Skriptorien“, deren Vorsitz Alkuin persoenlich uebernahm. Diese Versuche nannten sich die fraenkische Bildungsreform, die vor allem heutigen Historikern zugute kommt, da sie eine Unzahl an capitularien, Skripten, Buechern und Schriften hervorbrachte. Inwiefern sie die damalige Zeit beeinflusste, ist schwer zu sagen. auf jeden Fall hat sich die karolingische Bildungsreform in den naechsten Jahrzehnten schwerwiegend ausgewirkt und das gesamte Hochmittelalter beeinflusst.

Karl war aber kein Mann, der seinen Beraterkreis nicht immer laufend erneuert haette. Waehrend ihn die bewaehrten Berater wie Diaconus und Alkuin nach und nach verliessen (der eine kehrte in sein kloster zurueck, der andere wurde Abt von Saint-Martin/796, Theodulf wurde 797 Bischof von Orléans) trafen neue, juengere erlesene Wissenschaftler und Geistliche an Karls Hof ein. so zum Beispiel die Angelsachsen Osulf und Fridugis, wie auch der Ire Joseph. Wichtigster Berater dieser neuen Generation wurde aber Einhard, der Alkuin in der Leitung der Hofschule nachfolgte und dem wir die Informationen ueber Karls Persoenlichkeit verdanken (so klaert er uns beispielsweise ueber die Vorliebe Karls fuer das Schwimmen und Jagen auf). Desweiteren traf ein gewisser Anglibert am Hofe Karls ein Dichter, dessen Kunst zum Teil bis heute erhalten ist. Ueberhaupt erfreute sich der Hof, zu dem auch Karls Familie (inklusive der Toechter) sehr an der Dichtung. so schrieb man sich untereinander oft Gedichtchen in jeglicher Art und Weise, wobei man sich gegenseitig antike oder biblische Namen gab. Zwar konnte (und wollte) der Hof nicht die Bildung, Kultur und Philosophie eines Spaetantiken roemischen Herrschatshauses erreichen, doch ist diese Existenzform des Hofes erstaunlich fuer die an sich barbarische und atavistische Zeit der Karolinger. Es ist ein Hinweis darauf, dass Karl neben einem ausgezeichneten Krieger und Diplomat auch Intelektueller war.

Um das groesser gewordene Frankenreich ueberhaupt noch regieren zu koennen, fuehrte Karl die sogenannten Koenigsboten, die missi dominici ein. Diese traten meist zu zweit auf (ein weltlicher und ein geistlicher Vertreter) und sollten Anliegen und anweisungen des Koenigs durchsetzen. Sie konnten entweder einen zugeteilten Bezirk regieren oder wurden vom Hof aus in bestimmte Regionen entsendet. Ein weitere Reform Karls betraf das marode Geldwesen, welches voellig undurchsichtig gewesen war. Karl fuehrte den Silberdenar (Solidus/Schilling = 12 Denar, ein Pfund zu 20 Solidi) ein, den er verbindliche im gesamten Reich durchsetzen konnte, eine seiner groessten Leistungen. Desweiteren wurden auch das Heereswesen (Landgrafen mussten eine bestimmte Anzahl von Wehrpflichtigen stellen) und das Gerichtswesen reformiert (Einfuehrung der Ruegezeugen und der Schoeffen).

Karl stuetzte sich ausserordentlich stark auf die Kirche und benutze sie, um sich hinzugewonnene Gebiete Untertan zu machen und um seine Aristokratie in Zaum zu halten. Dies gelang ihm sehr gut, denn er war ein gefestigter und starker Herrscher, der die kirchliche Entwicklung in seinem Reich nach Belieben steuern konnte. So vergab er Bischofssitze nach eigenem Gutduenken und hielt bei Bedarf Synoden ab. Karls Nachfolger hatten es bei der Kontrolle dieser erstarkenden Kirche ungleich schwerer und wuerden letztlich an ihr scheitern. Das jedoch lag noch in ferner Zukunft.

Eine der von Karl herbeigefuehrten Synoden bewirkte auch das Auseinanderbrechen von West- und Ostkirche. Kaiserin Eirene von Byzanz, die ihren eigenen Sohn Konstantin abgesetzt und blenden hatte lassen (797), hatte auf dem Konzil von Nikaia(787) miterleben duerfen, wie sich die Ostkirche fuer die Wiedereinfuehrung von Ikonen zur Gottesanbetung beschloss. Dies, und vor allem die Tatsache, das fraenkische Abgesandte nicht eingeladen wurden, missfiel Karl, so dass er in Frankfurt 794 eine Synode einberief, zu der sich auch paepstliche Abgeordnete einfanden nebst Legaten und Abgesandten aus Spanien und England einfanden. Karl war zum Anfuehrer des christlichen westlichen Okzidents geworden und konnte hier seine Meinungen durchsetzen. Die Anbetung von Bildern wurde als „irrig“ bezeichnet und abgelehnt.

Nun aber zurueck zu den aktuellen Ereignissen um die Jahrhundertwende herum. Am 25.4.799 brach in Rom eine Revolte aus, deren Ziel der amtierende Papst Leo III war. Dieser hatte sich der Korruption und Veruntreuung schuldig gemacht, die Vorwuerfe waren offenbar berechtigt, wie sich spaeter herausstellte. Der Papst sollte ueberfallen und geblendet werden und so fiel man ueber ihn her. Es gelang dem Papst jedoch, den Angreifern zu entkommen und er floh, mit einigen Kratzern davongekommen, in ein nahgelegenes Kloster. Aus seiner Unversehrtheit wurde sogleich ein Wunder gemacht, da Gott ihn angeblich von seiner Blendung befreit habe. Leo floh weiter bis nach Spoleto, wo er sich in die Obhut des Koenigsbotens begab.

Karl beschied den Fluechtling nach Paderborn, um sich seines Falles anzunehmen. Der Papst kam und Karl, der die Situation wohl kaum unvoreingenommen einschaetzen konnte, entschied sich, den alten Papst zu unterstuetzen. Schon Ende 799 wurden die Attentaeter in Rom festgenommen und in das Reich gebracht, wo sie inhaftiert oder hingerichtet wurden. Der Frankenkoenig hielt nun ein Erscheinen in Rom fuer angebracht und so zog er im Oktober/November nach Rom, welches er am 23.11. 800 betrat. Er betrat die Stadt nicht mehr im Wuerdenrang eines Patricius, sondern eher wie ein Kaiser, was die folgenden Ereignisse andeutet.

Die folgende Synode unter Karls Vorsitz, die sich mit den Vorfaellen des Jahres 799 befasste, fand zwar keinen juristischen Abschluss, aber Papst Leo legte am 23.12. einen Eid auf seine voellige Unschuld ab. Daraufhin forderte er, dass Karl Kaiser genannt werden muesse. Karl hatte also nicht aus blosser Ordnungsliebe am Papst festgehalten. sondern hatte auch eine Rueckzahlung erwartet, die nun erfolgen sollte. Leo war jedoch gerissener, als Karl es ihm zugetraut hatte.

Am 25.12. 800 betrat Karl vormittags die Peterskirche. Waehrend der Messfeier setzt ihm Papst Leo die Kaiserkrone auf, nannt Karl Augustus und huldigte ihm als Kaiser. Einhard ueberliefert uns eine Aeusserung Karls, „er wuerde an diesem tage, obwohl es ein bedeutendes Fest war, die kirche nicht betreten haben, wenn er des Papstes Plan haette vorauswissen koennen.“. Was hatte Karl so uebel aufgestossen?

 
Karl suchte immer eine Gleichstellung mit Byzanz, seit die Kaiserwuerde in greifbare naehe gerueckt war. In der ostroemischen Kaiserstadt war es jedoch ueblich, das der Kaiserkandidat sich die Krone selbst aufsetzte. Zwar war der Patriarch anwesend, und hatte auch schon die Krone aufgesetzt, Bedingung war dies indess nicht. Karl war Kaiser von des Papstes Gnaden geworden, eines Mannes, der durchaus nicht ueber jeden Zweifel erhaben war und den er selbst gerade wieder in sein Amt verfrachtet hatte. Der Grosse Koenig und nun Kaiser fuehlte sich ueberrumpelt, die Zeremonie hatte sich nicht so abgespielt, wie es seinen Wuenschen entsprochen hatte.

Einige Authoren schliessen aus der Aeusserung Karls, er haette die Kaiserwuerde am liebsten gaenzlich abgelehnt, doch dies duerfte wohl kaum zutreffen. Karl war schon vor seiner Kaiserkroenung zum Anfuehrer des westlichen christlichen Okzidents geworden, Synoden hatte dies gezeigt. Auch der Papst suchte Schutz und Unterstuetzung bei ihm und nicht beim ostroemischen Kaiser. Seine Kaiserwuerde war das Ergebniss dieses Zustandes, ebenso eine Belohnung fuer Karls durchaus ernstzunehmenden christlichen Eifer. Noch bis Ende 801 residierte er in Rom, um sich in seiner neuen Wuerde zu konsolodieren.

Byzanz sah diese Kroenung natuerlich nur ungern, man empfand sie als Anmassung. Es folgten gegenseitige Gesandschaften, die sich jedoch festliefen. 802 wurde Kaiserin Eirene durch Nikephoros I. gestuerzt, doch hatten die von ihm entsendeten Gesandschaften ebensowenig Erfolg, der Kontakt brach vorlaeufig ab. Zu dieser Zeit nahm Karl seinerseits Kontakte bis nach Mesopotamien auf, von wo ihm der dortige emir einen lebenden elefanten als Geschenk nach Paderborn schickte, ein Beweis fuer die Anerkennung, die Karl weltweit fand.

804 machten die Sachsen einen letzten grossen Aufstand. Karsl Sohn Karl der juengere nahm sich dieses Aufstandes erfolgreich an, auch Karl selbst griff noch einmal ein. 805 und 806 stiess der Sohn Karls dann noch nach Boehmen vor, was die fraenkische Oberhoheit anerkannte und befriedete die unruihgen Sorben. Somit hatte er seine Faehigkeiten mehrmals unter Beweis gestellt und bewiesen, dass er ein wuerdiger Nachfolger sein konnte.

806 berief Kaiser Karl eine Versammlung in Diedenhofen ein. Diese beschloss die Nachfolgeregelung Karls, welche spaeter den Namen Divisio regnum erhalten sollte. Vorgesehen war, dass die beiden amtierenden Unterkoenige von Italien und Aquitanien (Pippin und Ludwig) weiterhin in ihren Koenigreichen regieren sollten. Die zentrale Francia blieb Karsl zweitaeltesten Sohn vorbehalten, Karl dem Juengeren. Damit waere dieser auch der praedestinierte Nachfolger fuer Karls Kaiserwuerde gewesen, was jedoch nicht verfuegt wurde, doch es sollte anders kommen. Das ueber das Kaiseramt nicht weitergehende Festsetzungen vorgenomen wurden, liegt einerseits wohl daran, dass man Reucksicht auf Byzanz nahm andererseits auch daran, das Karl d. J. noch unverheiratet war und keine Kinder hatte.

Die folgenden Jahre waren von defensiven Verteidigungsmassnahmen des Frankenreiches gepraegt, die das gewonnene konsolidieren sollten. Daenenkoenig Gottfried stiess mehrmals gegen das Frankenreich vor. Hier begnuegte man sich zuerst damit, die slawischen Abdoriten, mit denen man schon frueher zusammengearbeitet hatte, gegen die Daenen einzusetzen. Diese unterlagen jedoch, weshalb Karl d. J. ein grosses Heer aushob, bestehend aus fraenkischen und saechsischen Verbaenden. Im Sommer 808 rueckte er ueber die Elbe nach Daenemark vor, wo er jedoch keinen Gegner antraf, da dieser geflohen war. Zwei Jahre spaeter fielen Wikinger ueber die friesische Kueste her, die sie pluenderten und verwuesteten. Dies wurde mit Gottfried in Verbindung gebracht und so begab sich sogar Karl selbst noch einmal zur Armee. Man musste allerdings nicht mehr gegen die Daenen ziehen, denn Koenig Gottfried wurde von einem Gefolgsmann erschlagen.

Die letzten Jahre Karls waren gepraegt von schweren Schicksalsschlaegen. Er hatte fuer seine Zeit ein extrem hohes Alter erreicht und dies musste er damit bezahlen, dass er seine eigenen Kinder ueberlebte. 810 starb seine verehrte Schwester Gisela, die Aebtissin in Chelles gewesen war und seine geliebte Tochter Rothrud, was Karl offenbar stark traf. Spaeter im Jahr starb Koenig Pippin von Italien. Dessen illegitimer Sohn Bernhard wurde am hofe Karls aufegnommen.

Auch 811 war ein schweres Jahr fuer Karl. Zuerst verstarb der ungeliebte aelteste Sohn Karls, Pippin der Bucklige als Moench in Pruem und dann starb auch noch Karls designierter Nachfolger, Karl der Juengere. Mit dem Tod Karsl des J. wurde auch die Nachfolgeregelung hinfaellig, denn als einziger Erbe war nun koenig Ludwig von Aquitanien verblieben.

Das Jahr 812 verlief etwas gluecklicher, denn Kaiser Michael I. von Byzanz erkannte die Gleichstellung des westlichen Kaisertums an, wofuer die Franken Venedig und Dalmatien an Ostrom abtraten.

Dennoch, die grosse Zeit Karls war vorbei, seine Regierung befand sich in einem langsamen Niedergang, ebenso wie seine Gesundheit. Zunaechst musste jedoch seine Nachfolge geklaert werden, wobei auffiel, dass man Ludwig recht reserviert gegenueberstand. So entschied man beispielsweise ueber das weitere Schicksal Italiens, ohne ihn zu Rate zu ziehen. Bernhard wurde trotz seiner illegitimen Herkunft zum Koenig eingestzt.

Ludwig blieb allerdings die einzige Alternative. So wurde der 35 jaehrige aquitanische Koenig im Spaetsommer 813 an den Aachener Hof gerufen, wo ihn die von Karl einberufene Reichsversammlung als Kaiser bestaetigte. Am 11.9. durfte sich Ludwig eine goldene Kaiserkrone waehrend einer Zeremonie selbst aufsetzen (diesmal also ohn die Mitwirkung des Papstes). Die Reserviertheit gegenueber Ludwig drueckt sich darin deutlich aus, dass man den erklaerten Nachfolger nach vollzogener Selbstkroenung wieder nach Aquitanien schickte.

Er musste jedoch nicht lange warten, bis er seine Wuerde voll bekeiden konnte. Karl starb am 28.1. 814 in Aachen. Noch am selben Tag wurde er in der von ihm errichteten Aachener Pfalz beigesetzt, als ester und einziger Karolinger, was seinen besonderen Rang deutlich unterstreicht.

Warum war Karl der Grosse so einzigartig? Er hatte das Glueck, in eine denkbar guenstige historische Lage geboren zu werden. Seine Vorvaeter hatten ihm den Weg zur Groesse geebnet: so war es Pippin II. 687 bei Tertry gelungen die grossen innerfraenkischen Adlesrivalitaeten beizulegen (zwar waren diese daraufhin nicht beendet, jedoch erheblich gedaempft). Karl Martell hatte mit seinem Sieg von Tours und Poitiers die arabische Gefahr gebannt, gegen die Karl sogar einen (wenn auch misslungenen) Offensivschlag fuehren konnte. Pippin III. hatte sich selbst in Soissons (751) zum Koenig gemacht, spaeter bestaetigt durch den Papst (Saint-Denis, 754). Somit gaben die Vorvaeter Karls ihm eine einmalige Vorlage, die dieser tatkraeftig in Zugewinne umsetzte. Karl dehnte das Frankenreich weitest moeglich aus, wie es ihm Verwaltung und Militaerhaushalt erlaubten. Langobarden, Baiern, Awaren und zuletzt die wehrhaften Sachsen fielen ihm zu, diverse weitere Staemme wurden tributpflichtig oder erkannten seine Vorherrschaft an.

Militaerische Begabung hatten allerdings auch schon Karls Vorfahren bewiesen. Der einzige der ihm in seiner Visionskraft als Staatsmann gleichkam, war sein Vater Pippin III., der das Koenigtum fuer die karolingische Familie erlangte. Schon unter Pippin II., spaetestens aber unter Karl Martell war dieser Schritt schon laengst ueberfaellig geworden.

Ab wann Karl dazu entschlossen war, einen Schritt weiter zu gehen und die Entwicklung, die sein Vater Pippin begonnen hatte, zu vollenden, also offizieller Anfuehrer der westlichen Christenheit zu werden, kann nicht eindeutig festgestellt werden. Wahrscheinlich rueckten aehnliche Plaene in den neunziger Jahren des 8. Jahrhunderts in Karls Blickwinkel, denn zu diesem Zeitpunkt war er uneingeschraenkter Herrscher der Francia, in den Unterkoenigreichen Aquitanien und Italien regierten seine Soehne und in Bayern ein weiterer Gefolgsmann. Karl berief nach eigenem Belieben Synoden ein, zu denen Vertreter des gesamten westlichen Europas erschienen, Englaender ebenso wie Spanier. Das ihm ausgerechnte die aeusserst unserioese Figur Papst Leo III. seine Erhoehung zum Kaiser moeglich machte, ist ein Makel uaf dieser Vollendung von Karls Traeumen, noch dadurch betont, das der listige Papst Karl bei der Kroenungszeremonie ueberrumpeln konnte. Letztend Endes ist es jedoch wie im Sport: fuer das Wie interessiert sich hinterher keiner mehr, nur das Ergebnis zaehlt. Karls war der erste westliche Kaiser nach Konstantins Umzug nach Ostrom vierhundert Jahre zuvor.

Nicht nur Karls staatsmaennische Visionskraft machte ihn zu etwas besonderem, sondern auch sein geradezu unangebracht wirkender Lerneifer, seine Besessenheit vom Christentum und sein reformatorisches Wirken. Unangebracht deshalb, weil man dies von einem fraenkischen Kriegsherrn, der sich noch dazu ueber mangelnde Arbeit nicht beschweren konnte, nicht erwarten konnte. Das Jahr 800 sah ein rauhes und oedes Europa, die Germanenstaemme schlugen sich immer noch mit Wollust gegenseitig die Schaedel ein. Karl war der erste der dieses Dunkel, ein Ueberbleibsel der Wirren der Voelkerwanderung und des merowingischen Chaos-Regiments, erhellte. Er erkannte die Wichtigkeit von Bildung und Kultur und gab diesen Dingen im hoeheren Alter mehr Gewicht als dem Schwert. Es ist schon erstaunlich. welche Flut von Gesetzen und Erlaessen (Capitularien) auf Karl zurueckgeht, der davon beseelt war, den Niedergang der Kultur aufzuhalten. Er liess die Stammesrecht aufzeichen, sanierte das Geldwesen, gab Anweisung fuer die Bebauung von Koenigshoefen, reformierte die Schrift, setzte sich fuer eine Aufbesserung der lateinischen Sprache ein, etc.

Zuletzt war Karl bekennender Christ, er war tief in seiner Religion verwurzelt. Bildung und Kultur versuchte er auf der Basis einer starken Kirche durchzusetzen, die er stuezte und die sich seinerseits auf ihn stuetzte. Damit erreichte er ebenso sein Ziel, fuer die Geistlichen eine hoehere Bildung durchzusetzen (Schriftschulen des Alkuin), als auch eine weitere Entmachtung des Hochadels. Karl war ein Familienmensch, dem das Schicksal seiner vielzahligen Nachkommen sehr am Herzen lag. So wurde Koenig Ludwig 813 nach seiner Kaiserkroenung vom 11.9. von Karl persoenlich und oeffentlich ermahnt, er solle Sorge fuer seine (Halb-) Brueder, Schwestern, Neffen und andere Verwandten tragen.

Die Nachfolger Karls hatten es schwerer und mussten deshalb oft von Historikern schlechte Kritiken einstecken. So zum Beispiel auch Karls verbleibender aeltester Sohn, Ludwig, der wegen des Einflusses, den der Papst und andere Geistliche auf ihn hatten, der Fromme genannt wurde. Schon gegen Ende von Karls Regierung setzte eine gewisse Stagnation in seiner Herrschaft ein. Militaerische Unternehmen hatte verstaerkt defensiven Charakter, viele Reformen blieben in den Ansaetzen stecken. Damit hatte seine Nachfolger zu kaempfen und konnten dies besser oder schlechter handhaben. Unzweifelhaft steht aber fest, das die Karolinger keinen Herrscher mehr auf den thron brachten, der das Format und die Herrschergabe Karls hatte.

Karl der Grosse


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