November 27, 2022

Jugurtha, Marius und Sulla. Das vorläufige Ende der Römischen Revolution.


Nach den Ereignissen in den Tribunatsjahren der beiden Gracchen bildeten sich immer offener zwei Parteisysteme heraus: die schon erwähnten Optimaten und die Popularen. Die Optimaten waren die „Partei“ der reichen, meist senatorischen Oberschicht, während die Popularen die Proletarier und die römischen Ritter vertraten. Man darf aber nicht den Fehler begehen, diese beiden „Parteien“ mit politischen Parteien in der Gegenwart zu vergleichen (z.B. CDU/SPD). Die damaligen „Parteien“ hatten mit heutigen nichts gemein; sie hatten kein klar formuliertes Parteiprogramm oder öffentliche Richtlinien, sie waren nicht einmal öffentlich organisiert. Es gab keine Organisation, welcher man beitreten konnte. Die Zugehörigkeit wurde durch Geburt oder persönliche Entscheidung bestimmt. Wenn einem die Wahl offen blieb, entschied man sich nicht für diejenige der beiden Gruppen, die am ehesten die eigenen Ideale vertrat. Vielmehr richtete man sich danach, wo einem die günstigsten und schnellsten Aufstiegsmöglichkeiten offeriert wurden und versuchte, sich dort zu integrieren bzw. einzubringen. Die Parteilandschaft des alten Rom war durch Machtstreben und Egoismus geprägt, und den einzigen, denen man bescheinigen könnte, dass sie es mit ihrer Klientel ernst gemeint hatten, waren wohl die Gracchen. Auch Caesar trifft von seinen Kritikern der Vorwurf, populare Programmatik nur übernommen und befördert zu haben, um seinen Aufstieg zu ermöglichen. Befürworter Caesars glauben bei ihm jedoch ein Verhältnis zu der popularen Schicht erkennen zu können, das durch angemessene Dankbarkeit geprägt ist, denn als Caesar die Spitze endlich erreicht hatte, erfüllte er dennoch die seiner Klientel gemachten Versprechungen. Dazu jedoch später mehr.

Damit wären die Parteiverhältnisse geklärt und wir können uns wieder dem Geschehen zuwenden. Nachdem man 121 für den Tod des Gaius Gracchus gesorgt hatte und 3.000 seiner Anhänger erschlagen ließ, konnte man im selben Jahr auch mit positiven Meldungen auffallen. Konsul Domitius Ahenobarbus und Quästor Fabius Maximus besiegten in Südgallien die keltischen Allobroger und Averner und brachten die Region als Landverbindung nach Spanien dauerhaft unter römische Herrschaft (später: Gallia Narbonensis). Doch bald sollte sich in Afrika ein Aufstand entwickeln, der zwar keine ernsthafte Bedrohung für die römischen Republik werden sollte, uns aber erneut die Bestechlichkeit und Dekadenz der herrschenden Kreise Roms vor Augen führt.

118 starb König Micipsas von Numidien, einem afrikanischen Staat, der sich nach dem dritten Punischen Krieg das Gebiet Karthagos einverleibt hatte und nun ein Vasallenstaat Roms war. Micipsas war ein fähiger Herrscher und direkter Nachfahre Massinissas, der erst auf Seiten der Karthager und dann unter Scipio gegen sie gekämpft hatte. Sein Reich erbten seine Söhne Adherbal und Hiempsal sowie der Adoptivsohn Jugurtha. Dieser Name sollte bald für einen der größten Bestechungsskandale der römischen Geschichte stehen. Jugurtha, der als junger Krieger an der Eroberung Numantias in Iberien unter dem Adoptivsohn Scipios teilgenommen hatte, gab sich nicht damit zufrieden, dass das numidische Reich zwischen ihm und seinen Adoptivbrüdern, denen das Land eigentlich zugestanden hätte, aufgeteilt werden sollte. Bei Verhandlungen über die Reichsaufteilung ließ er Hiempsal ermorden. Adherbal konnte fliehen und seinen Reichsteil weiterhin beanspruchen. 116 stimmte Rom einer Reichsteilung zwischen Jugurtha und Adherbal zu („Teile und herrsche“), obwohl ersterer nur durch Gewalt in die Thronfolge eingebrochen war. Warum ließ Rom dieses Treiben überhaupt zu, denn eigentlich war es die Schutzmacht Numidiens und hätte dessen rechtmäßigen Thronerben schützen müssen? Die Antwort ist einfach: Jugurtha hatte einen großen Teil der römischen Nobilität gekauft. Ein Teil des Senats war schlicht und einfach bestochen und wenn immer der gutgläubige Adherbal eine Gesandtschaft mit der Bitte nach Unterstützung gegen die Übergriffe seines Adoptivbruders nach Rom schickte, musste sie unverrichteter Dinge abreisen, da die bestochenen Senatoren jede Entscheidung zu Ungunsten Jugurthas blockierten. Wir sehen, wie sehr die Oberschicht bereits korrumpiert war, obwohl diese Eigenschaft den Herrschenden eigentlich erst in der Kaiserzeit attestiert wird. Der moralische Verfall der Optimaten begann schon in der Republik – wir erinnern uns: Als die Gracchen aktiv waren, gaben noch die Popularen das traurige Bild ab.

Die Senatoren waren allerdings nicht die einzigen, die den Hals nicht voll genug kriegten, denn Jugurtha war mit dem Erreichten immer noch unzufrieden. Nachdem er wiederholt marodierende Einheiten in Adherbals Gebiet entsandt hatte, griff er schließlich ganz offen an, eroberte 112 die Hauptstadt Cirta und ließ Adherbal zusammen mit der gesamten männlichen Bevölkerung der Stadt hinrichten. Diesem Massaker fielen allerdings auch einige italische Händler zum Opfer, wodurch der Senat endlich zum Eingreifen gezwungen war. Dennoch, auch die militärischen Operationen, die in den Jugurthinischen Krieg übergingen, wurden nur halbherzig geführt, denn noch immer hatte Jugurtha einen Teil der römischen Oberschicht in seinen „goldenen“ Händen. 111 ging Konsul L. Calpurnius Bestia nach Numidien, um dort endlich für Recht und Ordnung zu sorgen, doch er schloss bald einen für Jugurtha sehr vorteilhaften Frieden (wie kam das wohl?). Daraufhin lud der Tribun C. Memmius Jugurtha nach Rom, wo ihm wegen der Bestechungsvorwürfe gegen ihn der Prozess gemacht werden sollte. Jugurtha ignorierte diese Einladung und ließ stattdessen einen Belastungszeugen durch seine Anhänger ermorden. Der Krieg ging weiter.

Anfang des Jahres 109 mussten die Römer in Numidien eine schwerwiegende Niederlage hinnehmen. Endlich wurde die Situation in Rom unhaltbar und der Tribun C. Mamilius Limitanus setzte mit Hilfe der Ritter (die auch als Richter fungierten) ein Sondergerichtsverfahren gegen Adlige durch, die den Krieg bisher so hinhaltend und erfolglos geführt hatten. 109 bis 108 führte dann Q. Metellus einen recht erfolgreichen Kleinkrieg gegen Jugurtha, bis er die Bühne für einen Mann räumen musste, der von da an das politische Geschehen in Rom in seine Hand nehmen sollte, wie kaum ein anderer vor ihm. Die Rede ist von Marius, der eine der sicherlich erstaunlichsten Persönlichkeiten der römischen Geschichte ist. Marius war ein einfacher Mann vom Lande – so berichten uns die antiken Quellen – der Sohn eines Bauern oder eines kleinen Landbesitzers in Arpinum. Über seine Jugend ist kaum etwas bekannt. Obwohl er eigentlich nur ein armseliger Plebejer war, ohne Ausbildung und Kultur, wird er es sein, der in der römischen Geschichte am häufigsten das höchste Amt der Republik bekleiden sollte. Genau deswegen ist es unwahrscheinlich, dass uns die Quellen  hier richtig informieren: wahrscheinlicher ist, dass die Familie des Marius schon vor seinem kometenhaften Aufstieg wohlhabend gewesen und den hoffnungsvollen Sohn Marius unterstützte…spätestens bei seinen Kriegszügen in Iberien hatte sich Marius einen unglaublichen Wohlstand erarbeitet. Dennoch wurde er von den alteingesessenen Senatoren nie wirklich für vollgenommen, da er für sie nichts weiter als ein „homo novus“ war – noch dazu aus Arpinum (wie später Cicero). Trotzdem wurde er unglaubliche 7 Mal Konsul und außerdem wurde ihm der Titel des Erretters des Vaterlandes verliehen.. Angeblich war ihm das schon bei seiner Geburt prophezeit worden, doch wer hätte glauben mögen, dass sich aus dem bäuerlichen Emporkömmling einer der bedeutendsten popularen Politiker entwickeln würde?


Marius, der Retter Roms.
Marius fiel zum ersten Mal auf bei der Einnahme Numantias 133, bei der auch schon Jugurtha behilflich war (die Welt ist klein…). Er brachte keinerlei Voraussetzungen zum Politiker mit, war aber ein hervorragender Soldat und verdiente sich bald einen guten Ruf als militärischer Anführer. Er liebte das Geradlinige, das Disziplinierte, und das sollte zeitlebens so bleiben. Seine politische Karriere ging eher schleppend voran und die Senatoren werden wahrscheinlich hinter vorgehaltener Hand über den angeblich ungebildeten Bauernlümmel Marius gelacht haben. Dann heiratete Marius die Julia aus dem Hause der Iulier und wurde dadurch zum Onkel Caesars, der vielleicht bedeutendsten Persönlichkeit in der Antike. Dennoch hätte Marius‘ Karriere wohl weiter stagniert, wenn er sich auf die Seite der Optimaten geschlagen hätte, die ihn verachteten. Statt dessen wurde er das Aushängeschild der Popularen, dazu war er durch seine Herkunft ohnehin prädestiniert. Nach einem langen und steinigem Aufstieg wurde er schließlich 107 gegen den Willen der Nobilität mit der Unterstützung der Ritter zum Konsul gewählt und mit der Niederschlagung des Jugurtha-Aufstandes beauftragt. Marius machte sich frisch ans Werk und reformierte zuerst das Heereswesen. Er erhöhte die Effektivität des Heeres durch taktische Änderungen und reduzierte den Heerestross auf ein Minimum. Die Soldaten mussten von nun an beispielsweise auch ihre Verpflegung selbst tragen, so dass ihr komplettes Marschgepäck bis zu vierzig Kilogramm auf die Waage bringen konnte; das brachte ihnen den Spitznamen „Marianische Packesel“ ein. Vor allem Marius‘ Neffe Caesar sollte durch die gewonnene Erhöhung der Marschgeschwindigkeit bei seinen Kriegszügen profitieren. Außerdem nahm Marius zum erstenmal auch besitzlose Römer als Freiwillige ins Heer auf.

Diese Reform war von solch essentieller Natur, dass ich hier näher darauf eingehe. Bisher waren zum Kriegsdienst nur Männer mit einem gewissen Zensus, also einem gewissen Besitzstand, einberufen worden, zumeist Landbesitzer. Dies bedeutete, dass die Männer nach ihrem langen Wehrdienst von ca. 20 Jahren oder einer bestimmten Anzahl an Feldzügen, wieder auf ihre Parzelle zurückkehren und ihrem gewohnten Beruf nachgehen konnten. Feldherren konnten sich mit diesen Männern also praktisch keine Klientel schaffen, da sie generell vom Heerführer unabhängig waren. Dies änderte sich nun radikal, denn Rom war in keiner besonders guten Verfassung – in Gallien hatte es Niederlagen gegen die einfallenden Germanenstämme gehagelt und der Stand, der normalerweise für die Armee rekrutiert wurde starb ohnehin langsam aus – genau dies hatten die Gracchen festgestellt und versucht etwas dagegen zu unternehmen. Um der Germanen Herr zu werden schien es unvermeidlich Proletariern den Zugang zum Heer zu ermöglichen, die davon auch regen Gebrauch machten. Die Massnahme führte letztlich zum Erfolg, denn nach weiteren Niederlagen besiegte man schließlich die Germanen (worauf weiter unten eingegangen wird).

Dennoch handelt es sich bei dieser Reform um die eigentliche Hinrichtung der Republik, denn die neuen Proletarierheere waren Klientelheere – sie später zu versorgen war die Pflicht des Feldherren und wurde von ihm erwartet, dafür folgten ihm seinen Truppen bedingungs- und bedenkenlos. Nur mit diesen Vorraussetzungen war es überhaupt möglich, das Sulla den unerhörten Marsch auf Rom anzetteln konnte – diesem Beispiel folgten später etliche Feldherren, unter ihnen auch Caesar. Für die besitzlosen Soldaten war der Erfolg ihres Anführers von existentieller Natur, denn sofern man dessen Karriere ruinierte, oder seine dignitas (Ehre, Würde, Ansehen  im römischen Staat) ruinierte waren auch sie bedroht. Wer würde ihnen später Land zuteilen oder für ihre Versorgung aufkommen, wer würde ihr Patron sein, der sie vertrat und bestmöglich schützte?

Die Zeit nach Marius ist voll von Klientenheeren, die ihrem Feldherren in jedes Abenteuer folgten – und sei es ein Marsch auf Rom oder ein Bürgerkrieg (Sulla, Cinna/ Marius, Lepidus, Pompeius, Caesar, Augustus). Diese neue Qualität im Heereswesen unterhöhlte die Grundfesten der Republik und brachte sie schließlich auch zu Fall – Caesars Eroberung Italiens wäre undenkbar ohne sein gewaltiges ihm verpflichtetes Heer, welches sich schließlich Octavian/ Augustus zu Diensten machte, indem er schlicht Caesars Namen annahm. Zwar war Augustus ein miserabler Heerführer, jedoch ein brillanter Taktiker und so gelang es ihm schließlich die Republik faktisch in die Kaiserzeit überzuleiten.

Marius aber ging erfolgreich gegen Jugurtha vor, konnte ihn mehrmals besiegen und in die Enge treiben. Den Ruhm für den endgültigen Sieg (105) erwarb sich allerdings einer seiner Unterfeldherren, nämlich Sulla, der durch geschicktes Verhandeln mehrere Unterführer Jugurthas zum Verrat überredete und bald darauf den Jugurtha ausgeliefert bekam (zu Sulla später mehr). Im ausklingenden zweiten Jahrhundert brach zunächst die große Zeit des Marius an, der trotz seiner angeblich niedrigen Herkunft bald von den Römern „zweiter Erbauer Roms“ genannt werden sollte. Der unrühmliche Usurpator Jugurtha wurde übrigens wenig später in Rom hingerichtet. Sein Reich erbten Gauda, ein Halbbruder Jugurthas, und Bochhus von Mauretanien.

In die Zeit der Jugurthinischen Kriege fiel auch die Wanderung dreier Germanenstämme, die die Römer schon bald das Fürchten lehren sollten. Warum die Kimbern, Teutonen, und Ambronen ihre angestammten Siedlungsgebiete an der Nordsee (Dänemark/ Norddeutschland) verließen, ist nicht bekannt; übrigens ist man sich heute ausgerechnet bei den Teutonen nicht sicher, ob sie überhaupt Germanen oder nicht vielleicht doch Kelten waren. Überlieferungen sprechen von einer Sintflut (Sturmflut?), die die Stämme vertrieb. Normalerweise begannen solche Volkszüge durch Überbevölkerung, Hungersnot oder Vertreibung durch ein anderes Volk. In diesem Falle meinen Forscher und Meteorologen feststellen zu können, dass sich das Wetter um die Wende vom zweiten zum ersten vorchristlichen Jahrhundert rapide verschlechtert hatte und die im Norden ansässige Bevölkerung in den kurzen, kalten Sommern keine ausreichenden Ernten mehr erzielten.

Diese drei frühen Vorboten der Völkerwanderung zogen nun also im Jahre 113 durch Südgallien, wo sie auf Konsul Papirius Carbo trafen, der Verhandlungsbereitschaft mit den höflich um Wohnraum bittenden Wandervölkern vortäuschte. Nachdem er die überraschten Germanen dennoch angriff, brachten sie ihm eine vernichtende Niederlage bei. Trotzdem drängten die Germanen (vielleicht germanisch-keltische Mischvölker, s.o.) nicht nach Italien, sondern verweilten vorerst in Gallien. Die Römer, die ihre Interessen dort wahren wollten, entsandten 105 erneut eine Armee gegen die Wandervölker, diesmal unter Konsul Mallius und Prokonsul Servilius Caepio, die auch dieses Mal besiegt wurden. Dabei wurde ihre Armee bei Arausio fast völlig vernichtet. Diese militärische Katastrophe erreichte die Qualität von Cannae und wurde vor allem dadurch ausgelöst, dass der Prokonsul Caepio den Oberbefehl nicht an den eigentlich befehlsberechtigten „Homo Novus“ Mallius, der zu allem übel auch noch ein Proletarier-Heer nach Marius‘ Beispiel führte, abtreten wollte. Mallius sei von zu geringem Stand, als das ein Servilius Caepio, aus einer der ältesten und traditionsreichsten römischen Familie, an ihn das Kommando abtreten müsse. So kam es, dass die Germanen zwei getrennte römische Heere von je 40.000 Mann vorfanden, die nicht zusammenarbeiteten – so wurden die insgesamt 80.000 Mann nahezu gänzlich eingestampft. Unter den Opfern befand sich auch Mallius – Caepio jedoch war es gelungen zu fliehen. In Rom breitete sich nun langsam Panik aus, schließlich hatte man die Gallierkatastrophe von 387 nie ganz vergessen. Als sich nun erneut nordische Völker daranmachten, in das reiche Italien einzufallen, suchte und fand man einen Retter in der Person des Marius.

Ab dem Jahr 104 sollte Marius fünfmal in Folge Konsul werden. Er arbeitete eng mit einem Volkstribun namens L. Appuleius Saturnius zusammen, welcher sich ähnlich wie 133 Tiberius Gracchus gegen opponierende Kollegen durchsetzen musste. Dieser Volkstribun setzte durch, dass die Veteranen des Marius je 100 Morgen Land in Afrika erhielten, trotz des heftigen Widerstandes des Senats. Wie man sieht, wurde so eine enge Verbindung zwischen Soldaten und Feldherren geschaffen, die zur wechselseitigen Abhängigkeit führte. Allerdings löste Saturnius‘ Versuch, die Getreidepreise durch ein Plebiszit zu senken, Aufruhr und tumultartige Auseinandersetzungen in Rom aus und scheiterte am gewaltsamen Widerstand der Optimaten.

Zurück nun aber zu Marius, der 102 auf die Ambronen und Teutonen traf, welche sich von den Kimbern wegen Nahrungsmangel getrennt hatten. In einer mörderischen Schlacht vernichtete er die beiden Stämme bei Aquae Sextiae, die wenigen Gefangen wurden versklavt. Noch weniger ließ Marius allerdings von den Kimbern übrig, die mittlerweile nach Italien gezogen waren; angeblich gab es keine Überlebenden. Der Legende nach hatten die Frauen der Kimbern, als sie sahen, dass ihre Männer die blutige Schlacht bei Vercellae verlieren würden, ihre Kinder erschlagen und die eigenen Zeltwagen angezündet. Sie zogen den Tod der Sklaverei vor. Den Sieg beanspruchte übrigens Marius Kollege Catulus für sich – ein führender Optimat und Gegner des Marius. Er hatte den Soldaten unter seinem Kommando den Befehl gegeben, feindliche Feldzeichen einzusammeln. Von diesen hatte er nun wesentlich mehr erobert, als sein Kollege Marius, allein das römische Volk schenkte Catulus keinen Glauben sondern feierte allein Marius für den Sieg über die Germanen.

Das politische Geschehen in Rom verlief zu dieser Zeit ebenso wechselhaft wie das Kriegsgeschehen. Doch nun überschlugen sich die Ereignisse. Nach turbulenten Wahlen erlangte Saturnius wieder das Tribunat (101). Im Jahr darauf schlug er erneut eine Versorgung der Veteranen des Marius aus den Landgewinnen in Makedonien und Afrika vor. Auch Bundesgenossen wurden berücksichtigt, nicht aber die stadtrömische Bevölkerung. Das erboste Volk meuterte und Saturnius rief Marius zu Hilfe, dessen Truppen die Unruhen blutig niederschlugen. Wie kaum anderswo, zeigt dieses Beispiel, wie weit die vorgebliche „Parteizugehörigkeit“ bei den Aristokraten Roms reichte, denn Marius wandte sich skrupellos gegen sein eigenes Wahlvolk. Er brachte es erbarmungslos zum Schweigen, um seine politische Karriere nicht zu gefährden. Später sollte er aber wieder beim Pöbel Unterstützung suchen, als er für sein unseliges siebtes Konsulat antrat. Um ihren Widerstand zu brechen, zwang Saturnius die Senatoren, innerhalb von fünf Tagen auf den umstrittenen Gesetzesvorschlag und weitere Gesetze zu schwören.

Doch das Kapitel popularer Politik unter Saturnius war noch nicht an sein trauriges Ende gelangt. 99 erreichte er seine Wiederwahl, während sein Amtskollege Servilius Glaucia illegal für das Konsulat kandidierte. Sein Konkurrent C. Memmius wurde erschlagen und der Senat, der sich mal wieder in der Gefahr sah, seine Macht zu verlieren, griff zu altbewährten Mitteln: er erteilte das senatus consultum ultimum (wie bei den Gracchen). Der Konsul Marius ruinierte seinen Ruf endgültig, denn er ließ seinen früheren Partner Saturnius und seine Anhänger gefangen nehmen und von einer aufgebrachten Menge steinigen. Saturnius‘ Gesetze wurden aufgehoben.

Nun kehrte für einige Jahre verhältnismäßige Ruhe ein, doch wer glaubt, die Zustände in Rom hätten ihren Höhepunkt überschritten, der irrt sich gewaltig: Es sollte noch schlimmer kommen. Zuerst geschah das, was geschehen musste, und was Gaius Gracchus wahrscheinlich geahnt hatte. Nach einem Gesetz von 95 der Konsul Q. Mucius Scaevola und L. Licinius Crassus wurden alle zu Unrecht eingebürgerten Personen aus Rom verwiesen. Dies traf vor allem die Bundesgenossen. Es bedurfte aber einer weiteren Provokation, bis diese zu den Waffen griffen. Im Jahre 91 war ein gewisser M. Livius Drusus Volkstribun. Er schlug vor, die Gerichtsbarkeit auf den um 300 Ritter vergrößerten Senat zu übertragen. Außerdem griff er die Siedlungspolitik der Gracchen auf. Seine Vorschläge wurden vom Senat zuerst angenommen, dann wieder aufgehoben. Als Drusus wie Gaius Gracchus das Bürgerrecht für Bundesgenossen forderte, teilte er das Schicksal der Gracchen: Er wurde ermordet.

Das Maß war voll, die Bundesgenossen hatten genug hingenommen. Die Italiker vereinigten sich zu einem außerordentlich blutigen Aufstand gegen Rom. Sie schufen sich einen eigenen Senat und machten Corfinium zu ihrer Hauptstadt. Rom erlitt mehrere schwerwiegende Niederlagen, behielt aber bis 88 immer noch die Oberhand. Dennoch war den Bundesgenossen ein moralischer Sieg gelungen, denn Rom machte Zugeständnisse: Sie erhielten ein eingeschränktes Bürgerrecht. Treu gebliebene Italiker erhielten sogar das vollständige Bürgerrecht. Nun aber sollte die große Zeit von Sulla anbrechen, des optimatischen Politikers im ersten vorchristlichen Jahrhundert.

Zeitgleich mischte sich ein ausländischer Herrscher in die Staatsgeschäfte Roms ein, sollte sie über Jahrzehnte beeinflussen und Rom drei Kriege aufzwingen: Mithridates VI. Eupator, der Herrscher von Pontos (Kleinasien). Dieser hatte schon seit 120 seine Macht kontinuierlich ausgedehnt, eroberte 90 Kappadokien und Bithynien und fühlte sich dann anscheinend stark genug, sich mit den Römern anzulegen. Er eroberte das Gebiet römischer Steuerpächter in der Provinz Asia, erklärte sich zum „Befreier“ und richtete ein Blutbad an, gegen das die Bartholomäusnacht praktisch ein Kindergeburtstag war. An einem festgelegten Tag im Jahre 88 wurden in Ephesos (einer kleinasiatischen Metropole) alle Römer und Italiker erschlagen. 80.000 Menschen sollen der Vesper von Ephesos zum Opfer gefallen sein. Mithridates agierte dabei allerdings nicht sehr intelligent, da er neben den Römer auch die Italiker, die sich gerade in einem noch unentschiedenen Aufstand gegen Rom befanden und ideale Verbündete dargestellt hätten, ohne Unterschied erschlagen ließ. Später entsandte er ein Heer unter Archelaos nach Griechenland, wo mehrere Städte zu ihm überliefen.

In Rom ging es im Jahre 88 abermals drunter und drüber. Erneut sollte ein couragierter Tribun das Schicksal der Gracchen erleiden. Der Tribun P. Sulpicius Rufus plante, Neubürger und Freigelassene auf alle Tribus zu verteilen. Die optimatischen Konsuln (Sulla / Pompeius Rufus) erklärten den Geschäftsstillstand, woraufhin es zu Kämpfen auf dem Forum kam. L. Cornelius Sulla hob alsbald den Geschäftsstillstand auf und begab sich nach Nola, wo man ihm eine Armee für den Kampf gegen Mithridates bereitgestellt hatte. In Rom bestimmte Sulpicius, dem Sulla das Feld überlassen hatte, Marius zum Oberbefehlshaber der Armee, außerdem wurde sein Gesetzesvorschlag verabschiedet. Sulla, der eine gewissenlose risikofreudige Spielernatur war, griff zu einem Mittel, das die Gegner unerwartet traf und sie schockierte. Zum erstenmal in der römischen Geschichte wagte es ein römischer Feldherr, sein Heer in die Stadt Rom einmarschieren zu lassen. In vereinzelten Straßenkämpfen gewann er rasch die Oberhand gegen die Popularen, der Tribun Sulpicius Rufus wurde (erwartungsgemäß) bald darauf ermordet. Marius und seine Anhänger wurden von Sulla geächtet, aber er befand sich in einem großen Dilemma: Er musste nach Osten aufbrechen, um den dort wütenden Mithridates in die Schranken zu weisen. Wohl mit einem äußerst ungutem Gefühl im Bauch verließ Sulla dann auch Rom und Italien, nicht ohne dem Senat entscheidende Rechte zu übertragen. Aber es half nichts, er musste vorerst das Feld räumen.

Sulla ist durch diesen erstmaligen Marsch auf Rom unrühmlich in die Geschichte eingegangen, jedoch blieben ihm wohl kaum Alternativen: Sein Konsulat bezeichnete er später als das schwierigste, was je ein Konsul in der römischen Geschichte inne gehabt habe – und dies wahrscheinlich zu Recht. Der alternde Marius hatte es nicht verkraftet, dass er während des Bundesgenossenkrieges von seinem Kommando abgelöst worden war, da er erfolglos kämpfte – Sulla, sein früherer Legat jedoch besiegte die Italiker nahezu im Alleingang und errang sogar die Graskrone, Roms höchste militärische Auszeichnung, welche dem Feldherren von seinen Soldaten verliehen wurde, die sich damit bei ihm für die Rettung ihrer aller Leben durch seine Führung bedankten…eine Auszeichnung, die Marius nicht errungen hatte. Nun hetzte der alte Mann einen Volkstribunen der übleren Sorte auf Sulla und betrieb dessen vollkommen illegale Absetzung als Oberkommandant im Krieg gegen Mithridates – und gleichzeitig seine eigene Einsetzung. Verwandte und Freunde Sullas in Rom wurden bedroht, verjagt und sogar ermordet, Sulla selbst musste vor einem wütenden Mob flüchten – interessanterweise in das Haus des Marius, der ihm ein letztes Mal Schutz gewährte und ihn wohl dazu zwang, die Hauptstadt vorläufig zu verlassen. So in die Enge getrieben und in der Gefahr, sowohl sein Leben als auch seine dignitas zu verlieren, griff Sulla nach dem letzten Mittel was ihm blieb: seine Armee. Diese lag bereit zur Abreise in den Osten, als der aus Rom vertriebene Sulla bei ihnen Eintraf. Wenig später trafen von Sulpicius und Marius entsendete Beamte ein, die Sulla und dessen Armee darüber in Kenntnis setzten, dass ihr Feldherr seines Kommandos enthoben war und Marius mit dem Krieg gegen Mithridates beauftragt worden war. Nun erhob sich in der Truppe gewaltiges Geschrei, die Beamten wurden mit Steinen beworfen und weggejagt und die Soldaten forderten Sulla dazu auf, dass Kommando nicht niederzulegen; also führte er seine Armee nach Rom und trieb den Pöbelhaufen unter Marius und Sulpicius, die die althergebrachten Verfahren und Traditionen mit Füssen getreten hatten, aus der Hauptstadt. Nach seiner erfolgreichen Eroberung der Hauptstadt legte er übrigens eine relative Milde an den Tag – später würde er mit voller Härte und einem deftigen Mass an Grausamkeit zuschlagen. Sulla liess den Senat 12 Männer, die als Führer der Revolte galten, ächten – unter ihnen Marius und Sulpicius. Ansonsten hielt er sich zurück und verhinderte nicht einmal die ihm äußerst unliebsame Wahl des Lucius Cornelius Cinna zum Konsul, von dem er wusste, dass er ein Erfüllungsgehilfe von Marius war. Es scheint, als habe er dem Senat und Volk von Rom eine letzte Chance gegeben, sich vernünftig aufzuführen – diese Chance wurde vertan und Sullas Gnade war bei seiner Rückkehr aufgebraucht.

Nachdem die Optimaten wieder einmal ihre kompromisslose Eigensucht demonstriert hatten, waren nun die Popularen an der Reihe. Konsul L. Cornelius Cinna betrieb erneut das Neubürgergesetz des Sulpicius Rufus, obwohl er sich gegenüber Sulla eidlich verpflichtet hatte, die von dem Feldherren geschaffene Ordnung zu wahren. Der Senat widersetzte sich und vertrieb Cinna und seine Anhänger gewaltsam unter der Führung von Cinnas Amtskollegen Gaius Oktavius – dieser war bei einer Volksversammlung, die das Neubürgergesetz verabschieden sollte, mit einem bewaffneten Haufen erschienen und ließ die Versammlung von seinen Männern zusammenhauen. Angeblich gab es an diesem so in die Geschichte eingegangenen „Oktaviustag“ 10.000 (!) Tote. Cinna sammelte in Italien ein Heer, zu dem auch Marius stieß, der vorher noch von den Anhängern Sullas verfolgt worden war. Nach dem Beispiel Sullas eroberten sie im Jahre 87 Rom. Was nun folgte, war ein Armutszeugnis für diese popularen Hoffnungsträger, denn in einem zehntägigen Morden ließen sie viele Angehörige der Nobilität hinrichten. Im Jahre 86 wurden Cinna und Marius Konsuln, doch Marius, der sein siebtes, letztes und blutigstes Konsulat bekleidete, konnte sein blutiges Regiment (immer noch wurde im unruhigen Rom hemmungslos gemordet) nicht mehr lange genießen; er starb nach kurzer Amtszeit.

Der neuen Regierung unter Cinna und L. Valerius Flaccus, dem Nachfolger des Marius im Jahre 86, gelang eine vorläufige Konsolidierung der Verhältnisse. Sie erließen per Gesetz allen Schuldnern drei Viertel ihrer Verpflichtungen und stabilisierten die Währung. Der Senat begann mit ihnen zusammenzuarbeiten. Wer nun allerdings glaubte, dass die Grausamkeiten in Rom ein Ende fanden, der sah sich getäuscht, denn auch die Konsolidierung hielt nicht allzu lange an. Der Gipfel der chaotischen Zustände sollte mit der Rückkehr Sullas und dessen Regime erreicht werden, doch vorläufig war er noch in Griechenland mit Mithridates und seinen Truppen beschäftigt. Im März 86 konnte er das revoltierende Athen nach einjähriger Belagerung erobern. Seine Soldaten forderten Blut und Beute, und da Sulla sie noch in Italien für den Kampf gegen die Marianer brauchen würde, gab er ihnen, was sie wollten. Athen wurde tagelang geplündert, es kam zu unvorstellbaren Gräueln und Gewalttätigkeiten, ohne dass Sulla eingriff. Überhaupt tat er alles, um sich der Loyalität seiner Soldaten zu versichern. Um Mithridates, der sich als „neuer Dionysius“ bezeichnete, ebenbürtig zu sein, leitete er die Abkunft seiner Familie von Äneas, dem mythischen trojanischen Helden und Stammvater Roms, und der göttlichen Aphrodite ab. Damit benutzte er dasselbe Mittel der Vergöttlichung wie schon Alexander der Grosse, der sich in der Siwa-Oase vor seinem großen Persienfeldzug für göttlich erklären ließ. Nach der Plünderung Athens trieb er die Truppen Mithridates‘ vor sich her und schlug sie bei Chaironaeia und Orchomenos (Mittelgriechenland). Wieder einmal bewies er, dass er nicht nur ein optimatischer Staatsmann, sondern auch ein genialer Feldherr war. Inzwischen war L. Valerius Flaccus von Rom nach Griechenland entsandt worden, um Sulla abzulösen. Es kam zu einem kurzen Scharmützel mit Sullas Armee, wonach sich Flaccus dem Bosporus zuwandte, allerdings wurde er bei einer Meuterei getötet. Sein Legat C. Flavius Fimbria (war er an der Verschwörung gegen seinen Befehlshaber beteiligt?) übernahm den Oberbefehl. 85 setzte er nach Kleinasien über, schlug ein Heer des Mithridates und zog plündernd durch die Provinz. Der Krieg wurde für Mithridates immer unerfreulicher, denn mittlerweile beherrschte Sullas Quästor L. Licinius Lucullus, den man heute noch von den sprichwörtlichen lukullischen Genüssen kennt und der den Kischbaum aus Asien in Europa einführte, mit seiner Flotte die See. Trotz seiner schlechten Position konnte der pontische Herrscher den für ihn vorteilhaften Frieden von Dardanos mit Sulla schließen, denn es drängte Sulla, nach Rom zurückzukehren, um die Situation dort zu bereinigen. Mithridates musste das besetzte Gebiet räumen, siebzig Schiffe ausliefern und 2.000 (3.000?) Talente Reparation zahlen, wurde dafür aber als pontischer Herrscher anerkannt. Mit den kleinasiatischen Städten ging Sulla, zu dem die Verbände des Fimbrias inzwischen übergelaufen waren, härter ins Gericht: sie hatten 20.000 Talente an Reparation zu erbringen. Städte und Landstriche wurden geplündert und verwüstet, um die Summe aufzubringen. Eine weitgehende Verarmung war die Folge.

Im Jahre 84 wurde erneut Cinna zum Konsul, gemeinsam mit Cn. Papirius Carbo. Cinna ging nach Ancona, um sich mit seinen Truppen einzuschiffen. Er wollte gegen Sulla, dessen Rückkehr man nun ständig erwartete, antreten, wurde allerdings von seinen meuternden Truppen erschlagen. Carbo musste die Abwehr Sullas nun allein bewältigen. Nachdem Sulla also seine Überfahrt nach Italien vorbereitete, führte Proprätor L. Licinius Murena eigenmächtig den zweiten Mithridatischen Krieg (83-81), um Mithridates zur Einhaltung des Vertrages von Dardanos zu zwingen.

Nun aber zu Sulla und zu dem wohl unglücklichsten Kapitel optimatischer Politik in der Geschichte der römischen Republik. Im Jahre 83 setzte Sulla mit 40.000 Mann von Griechenland nach Brundisium über. In Italien zog er nach Rom und viele Nobiles, die man aus der Hauptstadt mit Schimpf und Schande verjagt hatte, stießen mit Truppen zu ihm. Auch ein junger Mann namens Cn. Pompeius schloss sich ihm mit einem privat ausgehobenen Heer an, zu dessen Kommandanten er sich selbst ernannt hatte. Obwohl Pompeius bisher noch kein ordentliches Amt bekleidet hatte, war Sulla dankbar für die Unterstützung und begrüßte Pompeius als einen gleichwertigen Feldherren. Hier also hatte Pompeius, der später den Beinamen „der Grosse“ erhalten würde, seinen ersten großen Auftritt, diesmal auf Seiten der Optimaten. Später würde er für die populare Seite eintreten, um dann wieder für die Optimaten gegen Caesar im Bürgerkrieg anzutreten. Doch zurück zu Sulla. Bei Capua schlug er Konsul C. Norbanus, der ihm entgegenrückte. Das Heer des Consuls L. Cornelius Scipio Asiaticus lief darauf hin zu ihm über.

In Rom suchten die Popularen einen adäquaten Nachfolger für ihren legendären Anführer Marius und glaubten, ihn in dessen Sohn  Marius gefunden zu haben – durch dessen Mutter Julia war Marius Junior übrigens ein Cousin Caesars. Im Jahre 82 wurde er Konsul, obwohl er noch nicht einmal dreissig Jahre alt war – woran man erkennen mag, wie wenig den in Rom herrschenden einfiel, um Sulla und seine kampferprobte Armee aufzuhalten . Sulla schlug den jungen Marius bei Sacriportus und schloss ihn in Praeneste ein. Carbo, der andere Konsul floh nach Afrika. Die Marianer, verbündet mit den revoltierenden Samniten (diesen renitenten Volksstamm aus dem italischen Appenin hatten die Römer in blutigen und wechselhaften Kriegen zwei Jahrhunderte zuvor unterworfen), versuchten Marius Junior zu entsetzen, was ihnen misslang. Deshalb zogen sie gegen Rom, wo sie am 1.11. am Collinischen Tor auf Sulla trafen. Die Schlacht wurde ein blutiges Gemetzel und ein knappes Ringen um die Vorherrschaft in Rom. Während Sulla die Schlacht an seinem Flügel angeblich schon nahezu verloren hatte, entschied M. Licinius Crassus auf dem anderen Flügel die Schlacht für die Optimaten. Die überlebenden Samniten wurden allesamt hingerichtet, Praeneste konnte sich bald darauf nicht mehr halten und die Reste der Marianer wurden auf Sizilien und in Afrika von Pompeius besiegt.

Endlich zum Alleinherrscher geworden, nahm Sulla schreckliche Rache für die Verfolgung der Nobiles durch die Marianer aus im Jahre 87.


Sulla, der als Feldherr ebenso erfolgreich und grausam war wie als Diktator.
Sulla stürzte Rom in einen Blutrausch. Einige Tausend Populare wurden hingerichtet und ermordet. 90 Senatoren und ca. 2.600 Ritter waren seine prominentesten Opfer. Einflussreiche Gegner Sullas wurden auf sogenannte Proskriptionslisten eingeschrieben, was öffentliche Denunziation und Verfolgung bedeutete. Sie wurden entrechtet, verjagt oder hingerichtet. Seinen Mitstreitern ließ Sulla die Güter dieser proskribierten großzügig als Geschenk zukommen. Crassus raffte dabei so viele Güter an sich, dass er sich das Ansehen, das er durch seinen Erfolg am Collinischen Tor erlangt hatte, verspielte und sich für einige Jahre ins politische Abseits manövrierte. Allerdings konnte er damit den Grundstein zu seinem gewaltigen Vermögen legen, mit dem er später den ewig verschuldeten Caesar über Wasser halten musste. Mit welchen Praktiken er sich noch bereicherte, wird später erläutert.

Sullas Blutdurst war noch nicht gestillt. Nicht nur in Rom, sondern in ganz Italien wurden Populare erschlagen. In Neapel ließ er beinahe die ganze Bevölkerung erschlagen, in Praeneste „nur“ den männlichen Teil der Einwohner. Einige weitere Städte gingen in Flammen auf. Das grausigste Ereignis allerdings war die Hinrichtung von 6.000 Gefangenen im Circus Flaminius während einer Senatssitzung, die Sulla in den Tempel der Bellona einberufen hatte. Als die Schreie der Opfer durch den Tempel hallten, stockte Sulla in der Rede, die er gerade hielt und sagte eiskalt zu den verschreckten und schockierten Senatoren, sie sollten sich nicht stören lassen, auf seinen Befehl hin würden nur einige böse Leute gezüchtigt, woraufhin er mit seiner Rede fortfuhr. Sulla erwies sich als Produkt seiner Zeit, denn einerseits war er ein hochgebildeter, kultivierter Mann, dem die beste Ausbildung seiner Zeit zuteil geworden war und der vielseitige Talente aufwies, unter anderem als Heerführer und Staatsmann. Andererseits jedoch befiel ihn im Rausch der Macht ein beinahe atavistischer Blutrausch und er brachte alle um, die anderer Meinung waren als er selbst, was im krassen Gegensatz zu seiner hohen kulturellen Bildung stand. Er ging eben mit der für seine Zeit üblichen Grausamkeit vor.

Schliesslich hatte Sulla scheinbar seinen Blutdurst gestillt, denn nun wandte er sich wieder der Politik zu und versuchte sich an einer Restauration der Senatsmacht. Schon 82 wurde Sulla durch den vom Senat bestimmten interrex L. Valerius Flaccus zum dictator legibus scribundis et republicae constituendae (=Diktator für die Abfassung von Gesetzen und die Neuordnung des Staates) bestimmt, wodurch er uneingeschränkte politische Handlungsvollmachten erhielt, wie sie später nur Caesar und die Kaiser erreichen würden. Zuerst sorgte Sulla dafür, dass seine Soldaten, die seine Erfolge gegen die Marianer erst möglich gemacht hatten, belohnt wurden. In Italiens reichsten Gegenden (Kampanien, Etrurien und Samnium) wurde ca. 120.000 Veteranen Land zugewiesen, was zu weitgehender Verarmung der italischen Bauern führte.

In den Jahren 81-80 wurden die Reformen Sullas als Komitialgesetze verabschiedet und durchgesetzt. Sullas Restauration reagierte auf die Problematik der Gracchenzeit und der späteren Jahrzehnte, die immer wieder die gleichen politischen Turbulenzen zugelassen hatten. Sullas Maßnahmen waren im einzelnen:

 

  1. Das Volkstribunat wurde entmachtet. Gesetzesanträge des Tribunats mussten vom Senat genehmigt werden, das Vetorecht der Tribunen wurde eingeschränkt. Ehemalige Tribunen wurden von einer weiteren Ämterlaufbahn ausgeschlossen, was eine Kandidatur für das Tribunat äußerst unattraktiv machte.
  2. Das Eintrittsalter für Magistraturen (Ämter) wurde verschärft (Quästor frühestens mit 30, Konsul frühestens mit 42) und die Wiederbekleidung einer Magistratur war erst nach 10 Jahren erlaubt.
  3. Auf Grund des allgemeinen Wachstums von Staat und Verwaltung wurde die Zahl der Quästoren auf 20 und der Prätoren auf 8 erhöht. Auch die religiösen Kollegien der „pontifices“ und „augures“ wurden vergrößert. Die Wahl zur Teilnahme an diesen Kollegien fand nicht mehr im Volke statt, sondern durch Kooption.
  4. Die Provinzialverwaltung wurde neu geordnet: Die Konsuln und Prätoren sollten als Prokonsuln und Proprätoren nach ihrer Amtsperiode eine Provinz verwalten. Ohne Zustimmung des Senats durften sie ihre Kolonie weder verlassen noch in ihr Krieg führen. Damit sollte verhindert werden, dass Provinzialverwalter durch außerordentliche Kommandos zu großer Macht gelangten und in Italien einfallen könnten.
  5. Das Gerichtswesen wurde reformiert. Es gab nun sieben Geschworenengerichtshöfe, die Vorsitzenden wurden Prätoren, die Geschworenen waren Senatoren.
  6. Die Zahl der Senatoren wurde von 300 auf 600 erhöht.

Die konsequente Anwendung von Sullas Reformen hielt sich in Grenzen: Schon er selbst musste 79 dem jungen Pompeius, der sich ja keinesfalls im Rahmen des vorgeschriebenen Alters für die Ämterlaufbahnen befand, für seine erfolgreichen Kämpfe gegen die Marianer außerhalb Italiens einen Triumph gewähren (feierlicher Einzug in Rom). Auch die weitere Karriere des Pompeius verlief der sullanischen Ordnung gänzlich zuwider.

Sulla aber, der erste Mann, von dem man sagen kann, er habe schon ähnlich wie ein Kaiser regiert, war scheinbar völlig überraschend seiner Macht überdrüssig. Er dankte als Diktator ab und setzte sich auf seinem Landgut zur Ruhe, wo er ein Jahr später starb. Ob er seinen nahenden Tod wohl ahnte? Warum er auf dem Höhepunkt seiner Macht abdankte, ist nicht bekannt.

Wie es Dieter Stöver in seinem Buch: „Die Römer – Taktiker der Macht“ sagt, verschrieb Sulla dem Staat eine blutige Rosskur, die durchaus zum Erhalt der Republik hätte beitragen können. Sulla liess widerspenstige Italiker ermorden und entfernte in Rom alle subversiven Elemente durch die Proskriptionen – vor allem der Ritterstand hatte sehr unter ihm zu leiden. Diese Ermordungen werfen bis heute ein schlechtest Bild auf Sulla, jedoch war er nicht der letzte, der Proskriptionen durchführte: auch Oktavian, Antonius und Lepidus griffen zu diesem Mittel um den Staat zu konsolidieren. Dabei gingen sie ähnlich brutal wie Sulla vor, ihr prominentestes Opfer wurde Cicero, den Antonius aus persönlichen Gründen ermorden liess. Die Ritter, dank der Gerichte, in denen sie durch die Gracchen die Kontrolle inne hatten, hatten dem Senat  mehrfach ihren Willen aufgezwungen und unliebsame Senatoren schlicht verurteilt und verbannt (so zum Beispiel Publius Rutilius Rufus, der in der asiatischen Provinz den Rittern unliebsame Finanzreformen durchsetze und der daraufhin prompt in Rom trotz seines untadeligen Rufes von den Rittern verurteilt und verbannt wurde). Auch das Tribunat hatte Sulla kastriert – dieses Amt war immerhin auch der Ausgangspunkt nahezu aller vergangenen Krisen, Revolten und blutigen Auseinandersetzungen gewesen (Gracchen, Saturnius, Sulpicius). Der Senat hatte wieder die vollständige Oberhoheit und Sullas Reformen sollten verhindern, dass sich irgendwer erneut zuviel Macht aneignen konnte (Mindestalter für Ämter, Verbot von Kriegen ausserhalb der eigenen Provinz für die Statthalter). Somit waren Sullas Handlungen zwar grausam, sie hätten dem Staat aber dienlich sein können, wenn nicht seine Nachfolger eifrig an der Aufhebung der sullanischen Reformen gearbeitet hätte, bis sie 10 Jahre nach seinem Tod faktisch aufgehoben wurden. Was man Sulla allerdings vorwerfen kann, ist die Unbekümmertheit, mit der er seine Kreaturen morden liess – so protegierte er beispielsweise den jungen Patrizier Catilina, der seinen Bruder ermordete um dessen Besitztümer und Frau habhaft werden zu können. Auch andere Gräuel scheint er nahezu mit Vergnügen ignoriert zu haben – seine Milde war wie gesagt aufgebraucht.

Ein weiteres Manko war, dass sich Sulla nicht an seine eigenen Gesetze halten mochte. So ermöglichte er Pompeius den nach seinen eigenen Gesetzen mehr als rechtswidrigen Status eines Feldherren („Imperator“) und liess ihn seine Gegner in Sizilien und Afrika besiegen. Als Sulla Frau Metalla verstarb veranstaltete er ein gewaltiges Staatsbegräbnis, obwohl er diese gerade persönlich verboten hatte. Somit gab er schlechte Beispiele für seine Nachfolger. Die Bewahrung dessen, was er geschaffen hatte, lag ihm nicht wirklich am Herzen, weswegen er auch zurücktrat – auf seinem Landgut gab er sich, nachdem er wie er selber sagte seine Pflicht gegenüber Rom erfüllt hatte, jeglichen Ausschweifungen hin. Das Pompeius die Wahl von Lepidus zum Konsul betrieb, der eindeutig an den Grundfesten der Republik rütteln wollte, bezeichnete er als Bubenstreich, unterband die Machenschaften des Pompeius jedoch nicht: Lepidus wurde Konsul und führte später eine erfolglose Insurrektion gegen Rom, wobei er von seinem früheren Förderer Pompeius geschlagen und getötet wurde.  Sulla konnte sich endlich öffentlich mit den von ihm geliebten Mitgliedern der römischen Halbwelt zeigen, Schauspieler, stadtbekannte Trinker, Huren und Homosexuelle, selber trank er den ganzen Tag durch.

Die Person Sullas hat durch die Zeit hindurch ihre Faszination behalten. Die einen sehen in ihm einen grausamen Machtmenschen der hemmungslos mordete, die anderen (angefangen bei Mommsen) sehen eine gewisse situationsbedingte Berechtigung für Sullas Handeln. Sullas Karriere und Lebenswandel erstaunt die meisten Betrachter, manche befremdet sein sanguinischer Charakter. Sulla ist jedoch sicher ein Thema für eine eigene Site.

Rom schlug eines seiner blutigsten Kapitel zu und es kehrte vorläufig Ruhe ein, abgesehen von kleineren Verschwörungen. Die folgenden Jahre blieben zwar aufregend, aber es schien dennoch, als würde langsam eine politische Konsolidierung stattfinden. Rom hielt jedoch nur den Atem an, um sich auf den Zweikampf zweier Männer vorzubereiten, die bald ihren Aufstieg beginnen sollten: Pompeius und Caesar.


Christian Ilaender, September 1996. Korrigiert und verbessert durch Peter Mühlan, Januar 2003.


Caesar


Zurueck zur Hauptseite.