September 28, 2022

Die Aussenpolitik Koenig Friedrich I.


Um beurteilen zu koennen, ob Friedrich den schlechten Ruf, den er spaeter durch Enkel und preussischen Historikern erhielt, auch verdient hatte, ist es unerlaesslich, seine Aussenpoltik zu betrachten. Ueber diese behauptete Gustav Droysen in der zweiten Haelfte des 19. Jahrhunderts: „Er fuehrte Krieg im Westen ohne Politik und machte Politik im Norden ohne Krieg“. Ist dieses Urteil gerechtfertigt?

Zuerst muss einem klar sein, dass Brandenburg-Preussen in den Konflikten nicht mehr als eine Nebenrolle spielen konnte. Noch war das Land naemlich keine Grossmacht, sondern nur nuetzliche Auxilliarmacht. Ueber diesen Status kam es bis zu Zeiten Friedrichs des Grossen auch kaum hinweg, was seinem Grossvater offenbar nicht angerechnet wird.

Der erste Konflikt, in welchem sich Brandenburg-Preussen behaupten musste und sich auch kriegerisch beteiligte war der Spanische Erbfolgestreit. Dieser hatte sich schon laenger angekuendigt, da der spanische Koenig Karl II. ohne Erben sterben wuerde. Schon am 14.11.1698 kam es zu einer Erbfolgeregelung, in welcher Thronaspirant Joseph Ferdinand von Bayern (von den Habsburgern unterstuetzt) Spanien inlusive der Kolonien und den niederlaendischen Besitzungen erhalten. Frankreich und Wien sollten sich die italischen Besitzungen des spanischen Reichs teilen. Dies fand jedoch wenig Anklang, sowohl bei Habsburgern als auch Bourbonen, die auf ein groesseres Stueck vom Kuchen gehofft hatten. So kam es zu einem erneuten Teilungsplan im Juni 1699 , in welchem Erzherzog Karl (habsburgischer Favorit) Spanien und der franzoesische Favorit, der Dauphin Phillip von Anjou die italischen Besitzungen erhalten sollte.

Alle Plaene wurde hinfaellig, da zuerst die sauberste Loesungsmoeglichkeit, naemlich Joseph Ferdinand, die Unverschaemtheit besass, zu versterben. Mit der zweiten Loesung war wieder keine Partei zufrieden. Schliesslich verstarb Karl II. von Spanien, nicht ohne ein Testament zu hinterlassen, in welchem er die Unteilbarkeit des spanischen Besitzes festlegte. Nach heftigem Intrigenspiel bevorzugte das Testament nun auch Phillip von Anjou an Stelle Erzherzog Karls als Nachfolger Karls II. So beeilte sich Ludwig XIV. seinen Dauphin nach dem Tod Karls am 1.11.1700 als Thronfolger in Spanien zu proklamieren. Damit war Oesterreich natuerlich durchaus nicht einverstanden und rueckte sogleich in die Lombardei ein. Ueberhaupt bildete sich alsbald eine europaweite Koalition gegen die Franzosen: die Niederlaender traten an die Seite des Reiches (schlisslich fiel Ludwig schnell in den Suedteil des Landes ein), ebenso wie die Englaender, welches aus dem vorrangegangenen Krieg noch einen Strauss mit den Franzosen auszufechten hatten. Dabei ging es ihnen vor allem darum, das franzoesische Hegemonialstreben zu beenden, um die Balance of Power, das Gleichgewicht der Kraefte auf dem Kontinent zu gewaehrleisten. Preussen war durch das Krontraktat an Wien gebunden und auch weitere Kleinstaaten traten gegen die maechtigen Franzosen an, z.B. Savoyen. Noch bevor die Koalitionspartner allerdings einen Vertrag schlossen, bezogen die Franzosen Pruegel in Italien: Prinz Eugen schlug sie im Sommer bei Carpi und Chiari.

Am 7.9.1701 bildete sich unter der Fuehrung Wilhelms III. von England (Oranien) die Haager Allianz bestehend aus England, den Kaiser und den Generalstaaten. Bis 1703 schlossen sich Preussen, das Reich, Hannover, Portugal und Savoyen an. 1702 feierte man erste Erfolge ueber die franzoesischen Invasoren in Deutschland. Markgraf Ludwig Wilhelm verdraengte sie aus Kurkoeln und Landau. Waehrend Erzherzog Karl 1703 in Spanien landete und bald darauf zum Koenig Karl III. ernannt wurde, feierten die Franzosen am 20.9.1703 bei Hochstaedt an der Donau einen ihrer spaerlichen Siege: Gemeinsam mit ihren einzigen Verbuendeten im Reich, den Bayern (welche nach der Koenigswuerde strebten), schlugen sie kaiserliche Truppen. Kaum ein Jahr spaeter holten sie sich an der selben Stelle jedoch blutige Nasen: Am 13.8.1704 schlugen Prinz Eugen und Malborough (welcher nach dem Tod Wilhelms die faktische Fuehrung Englands uebernommen hatte) Franzosen und Bayern.

Der Alliierte Siegeszug ging weiter: 1706 schlugen Malborough und Eugen die Franzosen bei Ramilles, woraufhin diese die Spanischen Niederlande raeumen mussten. Schon am 7.9. des selben Jahres verjagte Eugen die Franzosen vor Turin und brachte Norditalien in seine Hand. 1708 zerschmetterten das „Duo Infernale“ die Franzosen bei Oudenaarde (Ostflandern). Kein Jahr spaeter folgte der glaenzendste Sieg der beiden bei Malplaquet. Man ueberreichte den Franzosen ein Friedensangebot, welches einem Diktat gleichkam: Die Bourbonen sollten auf die Erbfolge in Spanien verzichten, Strassbourg und dass Elsass an das Reich zurueckgeben und die Unterstuetzung Phillips von Anjou aufgeben. Frankreich beschloss daraufhin den erfolglosen Krieg fortzufuehren.

Zwar gab es keine generelle Kriegswende mehr, allerdings konnte Frankreich durch Zeitaussitzen eine Verbesserung der Modalitaeten erreichen. Die Kriegsgegner waren muede geworden: In England stuerzte das Whig-Ministerium und die an die Macht gekommenen Tories beriefen Malborough ab. Schon 1710 machte man Frankreich ein Friedensangebot. 1711 verstarb Joseph I. (seit 1705 Kaiser) und Erzherzog Karl, amtierender Koenig von Spanien, rueckte in die Nachfolge. Der hatte nun allerdings sowohl den Habsburgerbesitz als auch Spanien in seiner Hand, was nicht im Sinne der Allianz lag. So kam es 1712 zum Waffenstillstand zwischen Frankreich (welches garantierte nicht in Spanien einzufallen) und England.

Am 11.4.1713 kam es zum Frieden von Utrecht, welcher 1714 in Rastatt und Baden/ Schweiz von Kaiser und Reich ratifiziert wurde. Im Vertragswerk beschlossen Franzosen, Englaender, Preussen, Savoyer, Niederlaender und Portugiesen dass die Thronfolge in Spanien auf den Bourbonen Phillip V. ueberging – allerdings bei strikter Untersagung einer Personal- oder Realunion mit Frankreich. Die italischen Besitzungen Spaniens gingen an Oesterreich. Englaender und Niederlaender behaupteten Stellungen (Suedniederlande) und Eroberungen (Gibraltar/Menorca).

Die Rolle, welche Preussen unter Friedrich in diesem Krieg spielte, war tasaechliche eine eher unglueckliche. Friedrich stand am Anfang zu seiner Buendnistreue, wurde mit der Zeit allerdings ein immer unangenehmerer Partner fuer die Allianz. So faorderte er diverse Gebiete fuer Brandenburg ein – seine Gebietsforderungen duerften legendaer gewesen sein und am kaiserlichen Hof nur genervtes Gaehnen hervorgerufen haben. Die negativen Reaktionen scheinen Friedrich enorm wuetend gemacht haben, was ihn desoefteren dazu brachte, die Drohung zu formulieren, er wuerde bei weiterer Missachtung seiner Wuensche seine Truppen abziehen. Tatsaechlich tat er dies auch einige Male, was dazu fuehrte, dass die preussischen Verbaende bei den beiden glaenzendsten und groessten Erfolgen der Allianz fehlten. Friedrich scheint im weiteren nur aufgrund der diplomatischen Vermittlung Malboroughs, welcher persoenlich dem Koenig ins Gewissen redete, an der Seite der Allianz geblieben zu sein scheint. Ihm fehlte die Moeglichkeit zum Ausstieg – zum Beispiel auch, da ein entsprechendes Buendnis mit Frankreich nicht zustande kam. Es gab zwar Geheimverhandlungen, doch mochten sich die Vertreter Ludwigs XIV. Friedrich fuer ueberzogen bewerteten Gebietsanforderungen nicht stattgeben.

Wie verhielt sich Friedrich nun waehrend der anderen grossen Auseinandersetzung in Europa, dem Grossen Nordischen Krieg, welcher von 1700-1721 an den Grenzen Brandenburg-Preussens tobte? Da wir gesehen haben, dass er sich im westlichen Konflikt eher ungluecklich verhalten hat, muessen wir fuer eine umfassende Beobachtung seiner Aussenpolitik seine Diplomatie im Norden betrachten – welche ihm laut spaeteren Beobachtungen gruendlich misslang, vor allem da er die Gelegenheiten zum Eingreifen verpasste.

Im Norden war der grosse Konflikt schon 1699 unvermeidlich geworden, als sich Russland (unter Zar Peter I., dem spaeteren „Grossen“), Polen (unter Koenig August II., dem „Starken“) und Daenemark (Friedrich IV.) gegen Schweden (Karl XII.) zusammenschlossen. Ziel der einzelnen Buendnispartner war die Beendigung der schwddischen Vormachtstellung an der Ostsee, welche sich diese im Dreissigjaehrigen Krieg erkaempft hatten.

Die Kampfhandlungen begannen 1700, als polnische und daenische Truppen unter einem Vorwand in Livland und Daenemark einmarschierten. Russische Angriffe fanden jedoch nicht statt, da sich der Zar mit den Tuerken angelegt hatte.

Karl XII. stand in einer Tradition von brillanten schwedischen Kriegerkoenigen und obwohl er ungemein grausam war und von grosser Politik nicht viel verstand, so war er doch ein ebenso tapferer wie auch genialer Feldherr. Mit englisch-hollaendischer Flottenunterstuetzung (den Seemaechten war die Zusammenballung der Ostseeanreiner gegen die Schweden wohl nicht geheuer) landete er blitzartig auf Seeland und warf die Daenen in Rekordzeit zurueck. Schon am 18.8.1700 waren diese gezwungen, den Frieden von Tavendal zu unterzeichnen, in welchem sie auf den Anspruch auf Holstein verzichteten und aus der Koalition ausscheiden mussten. Im Eiltempo zog Karl gegen die nun heranrueckenden russischen Truppen und verpasste diesen am 30.11. eine heftige Abreibung an der Narwa – gegen eine 5fach ueberlegene russische Heeresmacht! Russland schien besiegt, weshalb Karl sich nun die Polen unter august dem Starken zur Brust nahm.

Friedrich lehnte zu Beginn des Krieges ein aktives Eingreifen auf einer der beiden Seiten ab, obwohl heftig um seine Gunst gebuhlt wurde. Sein Ziel jedoch war der Erhalt und die Konsolidierung seiner Koenigswuerde, weshalb er es sich nicht leisten konnte kaiserfreundliche Maechte wie beispielsweise die Daenen gegen sich aufzubringen. Dass er nicht auf deren Seite gegen die Schweden antrat erwies sich als sehr weise, da Freidrich IV. schon nach wenigen Monaten Krieg die Waffen strecken musste.

Um die Integritaet seines Gebietes zu erhalten bevorzugte Friedrich trotz diverser Buendnisangebote die Rolle des aktiven Vermittlers – wobei er durchaus gedachte, sich einStueck aus dem zu verteilenden Kuchen abzuschneiden. Seine Vermittlungsgesuche und Forderungen wurden von den Schweden allerdings nicht angenommen und von Karl XII. wahrscheinlich auch nicht so recht ernst genommen; ein Fehler, da er sich den ihm naturgemaess als Protestant nahestehenden Friedrich fuer schlechtere Zeiten lieber zum Freund haette machen sollen.

Auch als die Russen auf den Kriegsschauplatz stuermten beliebte Friedrich abzuwarten – zu Recht, wie die Niederlage Peters an der Narwar zeigt. Erst als die Schwden 1701 Kurland-Memel besetzten drohte Friedrich ernstzunehmend mit Waffengewalt. Durch Vermittlungen kam es allerdings nicht dazu.

Auch die kommenden Jahre brachten viele Buendnisangebote. Viele davon scheiterten an den hohen Gebietsforderungen Friedrichs oder an der akuten Bedrohung durch die Schweden, welche direkt an der Brandenburgischen Grenze standen. Russland begnuegte sich derweil mit einer eher defensiven Kriegsfuehrung und der Zar gruendete 1703 Sankt Petersburg.

Die Schweden hatten die Polen und August den Starken mittlerweile nach Belieben vor sich her getrieben. Seit Sommer 1703 belagerten sie Danzig, welches sich hilfesuchend an Berlin wandte. Friedrichs Vermittlungsversuche scheiterten zwar (Danzig musste die schwedischen Bedingungen akzeptieren), blieb jedoch mit der Stadt in geheimen Kontakt – auch eine Garantieerklaerung der Seemaechte und Daenemarks fuer Danzig schien moeglich.

1704 galt Polen als unterworfen und die Schweden machten sich daran in Sachsen einzufallen. Karl XII. fuehrte den Heerzug an, nachdem er seinen Favoriten Stanislaus Leczynki zum neuen polnischen Koenig hatte waehlen lassen. Diese Atempause nutzte Peter I., welcher, wenn ueberhaupt, eine Tugend besass: Durchhaltevermoegen. In den Jahren nach der vernichtenden Niederlage an der Narwa reformierte er sein Heer, vergroesserte und modernisierte es und eroberte bis 1708 Noeteborg, Iwanograd und Narwa zurueck.

Durch die Erfolge Karls dazu genoetigt betrieb Preussen eine schwedenfreundliche Politik – nicht ohne jedoch auf der anderen Seite mit den schwedischen Gegnern in Verhandlung zu bleiben. Die Schweden meinten nun Zugestaendnisse ihrerseits macheun zu koennen und erkannten am 29.7.1704 die Koenigswuerde Friedrichs an, wofuer dieser seinerseits auf eine Stellungnahme im Krieg verzichtete. Da die schwedischen Truppen nun abzogen witterte Friedrich Morgenluft und naeherte sich im geheimen der Allianz an. Als allerdings seine Verbindung zu Danzig aufgedeckt wurde musste er seine zarten Avancen aufgeben und verfiel wieder Neutralitaet. Auf die Vermittlung Malboroughs vom 28.11. hin entschied sich Friedrich seine passive Rolle im Norden beizubehalten und dafuer im Westen weiter zu kaempfen.

Im Jahre 1705 musste Friedrich einen weiteren persoenlichen Schicksalsschlag hinnehmen: auch seine zweite Ehefrau Sophie Charlotte verstarb. Drei Jahre spaeter heiratete Friedrich dann Sophie Louise von Mecklenburg, eine verschrobene Person, die sich schon bald nach der Heirat ihn aerztliche Behandlung gab und Jahrzehnte nach Friedrich in geistiger Umnachtung starb.

Die Schweden hatten 1706 August endlich an die Wand gespielt (wie gasagt, um den Preis, dass sich die Russen erholen und wiederaufruesten konnten). Im Diktatfrieden von Altranstaedt bei Leipzig dankte August als polnische Koenig ab (obwohl er dden Titel weiterhin offiziell fuehren durfte) und erkannte den schwedischen Thronkandidaten an. Aufgrund dieser Erfolge erkannte Friedrich am 14.12. Leczynski als Koenig an, wofuer die Schweden einen Genietszuwachs in Elbing fuer Preussen bei Kriegsende in Aussicht stellten. Nach weiterer Konsoldierung der Schweden in Polen schloss Freidrich am 16.8.1707 ein „Ewiges Buendnis“ religioesen und militaerischen Charakters mit den Schweden. Nebst der Zusammenarbeit auf konfessionellem Sektor einigte man sich auf die Gegenseitige Stellung von 6.000 Mann bei der Aggression eines Dritten.

Das Friedrich nun nicht offensiv auf Seiten der Schweden in den Krieg eingriff erwies sich erneut als klug abgewartet, denn die Wende stand unmittelbar bevor. Karl war wie gesagt wohl ein guter General, aber kein guter Taktiker. Er hatte den Russen Jahrelang Zeit gegeben die Niederlage von Narw zu verschmerzen und ihr Heer wieder aufzubauen. Nun musste man erneut gegen die wesentlich groessere Armee Peters I. antreten und diesmal gab es kein Wunder. Am 27.6.1709 unterlag man bei Poltawa den Russen nachdem Karl in Russland Richtung Moskau eingefallen war. Seuchen und Hungersnoete hatte das schwedische Heer schon frueh dezimiert, ebenso die Reiterueberfaelle der mit den Russen verbuendeten Kosaken. Anstatt sich zurueckzuziehen fiel Karl der ersten modernen Russlandkatastrophe zu Opfer, so wie spaeter Napoleon und Hitler. Der schwedenkoenig selbst wurde schwer verwundet und floh in die Tuerkei.

Als Reaktion auf den russischen Sieg naeherte sich Friedrich der nordischen Allianz wieder an. Im Juli 1709 trat er in Potsdam einem Buendnis zwischen Friedrich IV. von Daenemark (welcher wieder Morgenluft witterte) und August dem Starken bei. Wiederum wurde Friedrich allerdings nicht offensiv sondern beharrte auf ein Defensivbuendnis.

Im Oktober 1709 (25.10.) traf Friedrich in Marienwerder mit Peter I. zusammen. Dieser versucht ihn massiv zu einem offensiven Eingreifen zu bewegen. Friedrich, nicht abgeneigt, wurde von seinen Beratern Ilgen und Warttenberg dazu gedraengt, seine defensive Haltung beizubehalten. Friedrich liess sich breitschlagen, weshalb der Zar Rotz und Wasser heulte.

Wie auch immer, im Februar 1710 eroberten die Russen schliesslich Elbing, welches somit nicht mehr von den Schweden an Brandenburg uebergeben werden konnte. Zwar mag man Friedrich vorwerfen, er habe den guenstigsten Moment zum Eingreifen verpasst, allerdings haette sich dies wiedereinmla als klug abgewartet erweisen koennen; nachdem die Schweden am Boden zu sein schienen wandte sich Peter den Tuerken zu, welche aufgrund der listigen Diplomatie Karls XII. gegen die Russen in den Krieg zogen. Am Pruth geland es ihnen 1711 die gesamte russische Heeresmacht einzukesseln und mit der Vernichtung zu bedrohen. Der russische Zar bibberte und versteckte sich in seinem Heereslager unter einem Tisch – schliesslich gelang es ihm, durch die Zahlung eines astronomischen Loesegeldes einen unehrenhaften Abzug zu erreichen. Die russen wandten ihre Aufmerksamkeit wieder voll und ganz den Schweden zu. Der gescheiterte Karl versucht 1718 bei Frederikshald ein Comeback – es war jedoch zu spaet, die Schweden waren zu schwach und Karl fiel ruhmlos.

Dies erlebte Friedrich jedoch nicht mehr mit. An 1711 lavierte er vorsichtig zwischen den Gegnern im nordischen Krieg umher. Vielfaeltige Buendnisangebote scheiterten zumeist an seinen ueberzogenen Gebietsforderungen. Zuletzt ueberlegte er wohl sogar ein Defensivbuendnis gegen die uebergewichtigen Russen einzugehen, allerdings ereilte ihn im Fruehjahr 1713 (25.2.) der Tod. Sein Sohn, Friedrich Wilhelm, welcher schon in den letzten zwei Jahren mehr und mehr die Amtsgeschaefte uebernommen hatte, wurde zum Koenig Friedrich Wilhelm I. gekroent und trat noch im selben Jahr gemeinsam mit Hannover der nordischen Allianz gegen die Schweden bei. Diese Entscheidung wurde ihm jedoch einfach gemacht, da der Krieg im Westen mit dem Frieden zu Utrecht beendet war. Friedrichs Politik mag man deshalb zwar als vorsichtig, teilweise allerdings auch als sehr ueberlegt und klug bezeichnen.

Wie beurteilt man nun aber Friedrich am besten? Er ist ein nur sehr schwer fassbarer Mann, seine wirklichen Motive und Plaene bleiben uns hinter seinem affektierten und luxusorientierten Lebensstil verborgen. Das bringt uns allerdings zu der Frage, was denn nun ueberhaupt geschichtliche Groesse ist – welche man ihm naemlich lange Zeit abgesprochen hat.

Ein Mann wie der legendaere Makedonenkoenig Alexander jedoch erhielt den Beinamen „der Grosse“, welcher ihm von keinem Historiker je aberkannt wurde. Tatsaechlich sind seine Leistungen vergleichsweise auch gigantisch; er konsolidierte die Herrschaft der primitiven Makedonen ueber die entwickelten Griechenstaedte und schaffte es in den nicht einemal 15 Jahren seiner Herrschaft das gewaltige Perserreich zu unterwerfen und sich selbst zum Grosskoenig zu machen. Wenn wir solch militaerische Meriten einmal als Masstab fuer „Groesse“ ansetzen (was sicherlich fuer die Vergangenheit gelten muss), welche Leistungen hat Alexander dann fuer sein Volk vollbracht?

Mittlerweile sind sich die Historiker nahezu einig, dass Alexander Griechenland einen Baerendienst erwies. Das von ihm aufgebaute und auf ihn zugeschnittene Koenigreich zerbrach und versank in Blut und Traenen, als seine Nachfolger, die „Diadochen“, gnadenlos um jeden Happen des Reiches gegeneinander kaempften. Da die Griechen ihres staerksten militaerischen Gegners beraubt waren verloren sie ihre aus der Not und Bedrohung geborenen Meriten und kaum 150 Jahre spaeter wurden sie von den Roemern komplett ueberwaeltigt. Des weiteren laesst sich nicht bestreiten, dass Alexander ein Abenteurer war, welcher sich jede Nacht besoff und nebst politischen Morden auch nicht vor der Erschlagung eines nahestehenden Freundes zurueckschreckte.

Friedrich wird nicht „Gross“ genannt und tatsaechlich besteht dafuer auch wenig Veranlassung; im Gegensatz zu seinem beruehmten Vorfahren und seinen Nachfahren war er kein Feldherrenkoenig, welcher seine Truppen persoenlich in die Schlacht fuehrte. Er hatte weder sonderliches Charisma noch persoenlichen Charme, sondern war im Gegenteil recht leicht beeinflussbar, aufbrausend und litt sowohl an seiner Verunstaltung (Buckel) als auch staendiger Selbstueberschaetzung. Dennoch, er erreicht und ermoeglichte erst den Aufstieg Brandenburg-Preussens. Seine Regentschaft war nicht etwa ein belangloses Intermezzo, sondern die Initialzuendung zu dem Erreichen einer spitzenstellung im europaeischen Wettbewerb. Haette man die Menschen in Brandenburg-Preussen gefragt, ob Friedrich ein guter Monarch sei, so haetten sie sicherlich mit „ja“ geantwortet.

Friedrich konsolidierte die Wirtschaft des von den Kriegen seines Vaters erschoepften Brandenburg-Preussens. Dank seiner grosszuegigen Aufnahme der Hugenotten fuehrte er sogar eine wirtschaftliche Bluete in Brandenburg her. Desweiteren verstaerkten die fleissigen franzoesischen Einwanderer auch das preussische Heer und erweiterten den kulturellen Horizont des Fuerstentums.

Kultur war ein grosses Anliegen des Koenigs: Er gruendete und foerderte diverse Universitaeten und Akademien. Unter seiner Anleitung wurden erfahrene, beruehmte und erlesene Baumeister in die Hauptstadt Berlin eingeladen wo sie wundervolle Bauwerke errichteten (z.B. Schlueter). Seine Regentschaft loeste die erste kulturelle Bluete in Norddeutschland aus.

Die Koenigswuerde, die er sich mit seiner Zaehigkeit und einer Portion Glueck erkaempfte, ermoeglichte Brandenburg-Preussen das Verlassen der Stagnation, unter welcher es als stinknormales Fuerstentum gelitten hatte. Im Spaeteren nutzten seine Nachfolger die Koenigsuerde geschickt – denn diese hatte den langsamen diplomatischen Aufstieg zur gleichberechtigten Militaermacht zur Folge und war auch rein repraesentativ enorm wichtig. Schon Friedrichs Enkel, Friedrich der Grosse, konnte sich Koenig von Brandenburg-Preussen (also nicht mehr in) nennen, da er mittlerweile maechtig genug war. Der Aufstieg Preussens sist also durch Friedrich erst ermoeglicht worden, und war durchaus kein unaufhaltsamer Imperativ.

Eine von Friedrichs groessten Leistungen ist aber die Tatsache, dass er es schaffte das ausgelaugte Brandenburg-Preussische Gebiet vor jeder kriegerischen Verwuestung zu bewahren. Obwohl er sich zuerst im Pfaelzischen Erbfolgekrieg behaupten musste und kaum drei Jahre spaeter zwei maechtig Kriege an den Grenzen Brandenburg-Preussens tobten, gelang es Friedrich die Kriegsfuehrung auf dem Gebiet seines Koenigreiches komplett zu vermeiden. Zwar zogen wohl Truppenverbaende durch Teilgebiete (z.B. die Schweden), der Bevoelkerung wurden die ueblichen Zerstoerungen und Misshalndlungen allerdings erspart. Auch in den spaeten Jahren seiner Regentschaft scheute er vor einem aggressiven Eingreifen in den Krieg sichtlich zurueck, wahrscheinlich da er befuerchtete das Gewonnene – den Landfrieden und das Anlaufen der Wirtschaft – gefaehrden zu koennen. Am Ende der Kriege konnte er sogar einen geringen Gebietsgewinn fuer Brandenburg-Preussen verzeichnen.

Das Friedrichs Politik zwar umstritten sein darf, aber im Ergebnis nicht als erfolglos bezeichnte werden darf, zeigt auch der Sachverhalt, dass es zwischen ihm und seinen Sohn nicht zu den in der Familie ueblichen Querelen und Streitereien kam – und dass obwohl der Sohn die Auffassungen seines Vaters sicherlich nicht teilte. Nach dem Tode des Vaters, welchen er seinem Wunsch entsprechend luxurioes beisetzte, griff Koenig Freidrich-Wilhelm sogleich in den Nordischen Krieg auf Seiten der Russen militaerisch ein (allerdings war der Konflikt im Westen zu dieser Zeit schon beendet, weshalb ihm der Entschluss zum Angriff leichtgefallen sein mag). Wenn man die extreme Knauserigkeit des „Soldatenkoenigs“ Friedrich-Wilhelms bedenkt, ist es erstaunlich, dass er mit seinem Vater dennoch recht gut auskam.

An den Beispielen Friedrich und Alexander mag man nun also entscheiden was ein „guter“ Koenig ist und was „Groesse“ in einer heutigen Bewertung noch ausmacht.


Christian Ilaender, Dezember 1997/ Januar 1998.


Friedrich I.


Zurueck zur Hauptseite.